
P o ly s ty e la (Giard 1874: Stnict. append. cand. larves Asc., p. 1860) soll eine krusten-
förmige Kolonie sein, deren Personen über die allgemeine Oberfläche hervorragen; eine weitere
Charakteristik, die diese Gattung von anderen Polyzoiden unterscheidbar machte, ist nicht gegeben.
Dass diesem Hervorragen der Personen tlber die allgemeine Oberfläche die ihm beigelegte systematische
Werthigkeit nicht zukommt, lehrt unter anderem eine Kolonie der unten beschriebenen
Alloeocarpa Zschaui. An dem einen Ende dieser Kolonie (Taf. I, Fig. 20) sind die Aussenflächen
der fest gegeneinander gepressten Personen nur schwach erhaben, flach, convex; an dem anderen
Ende stehen die Personen lockerer und ragen fast frei über die verbindenden Theilfe;-des Cellulosemantels
hinaus. Die Ursache der Verschiedenheit im Habitus der verschiedenen Theile einer und
derselben Kolonie scheint in diesem Falle in der Natur des Untergrundes zu liegen. Die nur schwach
erhabenen Personen stehen auf einer gleichmässigen Fläche, die mehr isolirten dagegen auf dem
unregelmässigen Boden sparriger, durch grössere Lücken voneinander getrennter Tangwurzel-Aeste:
Geringere Verschiedenheiten in der Erhabenheit der Personen-Aussenflächen zeigen übrigens fast alle
Kolonien der verschiedensten Arten. Es mag hier noch die verschiedenartige Ernährung, die verschiedenartige
Kontraktion, sowie auch das verschiedene Alter der Personen mitsprechen. Ich will
übrigens diesem Habitus-Charakter nicht jegliche systematische Bedeutung absprechen. So scheint
eine bedeutende Sonderung der Personen fiir Alloeocarpa Emüionis (Taf. II, Fig. 21) charakteristisch
zn sein (auch bei Kolitiden auf ebenem Grunde beobachtet), während sie für A. Zschaui nur als
seltene Ausnahme gefunden wurde. Als Gattungsmerkmal darf dieser ,Charakter«auf keinen Fall:
benutzt, werden.
S y n s ty e la (Giard 1874: Assoc. frane. avencem. Sei., p. 432;- ist krustenförmig wie Polystyela,
unterscheidet sich jedoch von letzterer dadurch, dass sich die Personen nicht .fei über die
allgemeine Oberfläche der Kolonie erheben. Die Bedeutungslosigkeit dieses letzteren Charakters
für die Sonderung der Gattungen ist schon oben, bei der Gattung Polystyela, 'klar gestellt worden.
Da weitere Anhaltspunkte für die Beurtheilung der Gattung Synstyela fehlen, und Krastenformen
in mehr als einer der von mir unten formulirten Gattungen enthalten sind, so ist die Ciaki.'scIic
Gattung Synstyela einstweilen als fraglich zu bezeichnen.
C h o r izo co rm u s (Herdman 1886: T u n i||ll Challenger, p. 345) ist lediglich nach der
äusseren Gestaltung der Kolonie festgestellt. Da die typisehe Art dieser Gattung, Ch: re tt^M w ;
in genügender Vollständigkeit beschrieben ist Und keiner haltbaren älteren Gattung zugeordnet
werden kaun, so halte ich die Gattung Chorizocormus bei wesentlicher Abänderung ihrer Diagnose
aufrecht.
Diese Gattungen der Familie Polyzoidae (— Polystyelidae Herdman) sind von Herdman
(1886 Tunie. II Challengevp. 326,1896 Rev. dass. Tunic. p. 635 und 1899 Tunic. Austral. Mns. p. 94)^
mit Ausnahme der ältesten Gattung, Polyzoa, die verschollen und dem englischen Forseher unbekannt
war, zu einem System in Gestalt von Bestimmungstabellen zusammengestellt worden. Dieses Herd-
MAit’sche System kann meiner Ansicht nach einer scharfen Kritik nicht Stand halten. Eine mehr
äusserliche Schwäche desselben liegt darin, dass der Autor glaubt, alle bisher bekannten Gattungen
aufrecht erhalten zu müssen, jene Gattungen, die ich oben als „rein zufällige“ eharakterisirte, und
die, solange die typischen Arten derselbe n nicht einer Nachuntersuchung unterzogen sind, meistens
als ganz haltlos angesehen werden müssen. Erwähnt muss übrigens werden, dass Hw™,,,, Bieh
derVersehiedenwerthigkeit der von ihm aufrecht erhaltenen Gattungen sehr wohl bewusst war, und
dass er sie wohl nur der Vollständigkeit wegen sämmtlich in die Bestimmnngstabelle der Gattungen
aufnahm. Die am ungenügendsten begründete Gattung, Oculinaria Gray, findet sich auch nur
in der älteren Bestimmungstabelle aus dem Jahre 1891 aufgeftihrt, imd auch hier nur mit der
Notiz, dass es sich um eine unvollkommen bekannte Gattung handele, deren Beschreibung ungenügend
ist. Auch die zweifelhafte Natur des Gegensatzes zwischen Thylacium und Polystyela ist
schon von Herdman festgestellt worden. Befreit man das Herdman’sehe System von diesem Ballast an
haltlosen lind von Herdman selbst zum Theil als fraglich hingestellten Gattungen und zieht nur
die nach eigenen Untersuchungen charakterisirteu Gattungen in Rücksicht (die Gattungen Chorizocormus,
Goodsiria und Synstyela), so tritt eine andere, innere Schwäche des Systems zu Tage. Diese
wesentlicheren Gattungen beruhen lediglich auf einem einzigen Sonderungsprinzip, nämlich der äusseren
Gestaltung der Kolonie; alle übrigen Charaktere, besonders die der inneren Organisation der Personen,
und, was besonders schwerwiegend ist, die geographische Verbreitung sind bei der Formulirung der
Gattungen gänzlich unberücksichtigt geblieben. Es liegt mir fern, der äusseren Gestaltung der Kolonie
eine jegliche Bedeutung für die Systematik abzuspreehen. ln Verbindung mit anderen Charakteren
habe ich sie selbst verschiedentlich bei der Charakteristik der von mir unten festgestellten Gattungen
verwerthet. Die folgende Erörterung bezieht sich nur auf die Gattungen uach Herdman’s Auffassung,
die sich nicht immer mit der Auffassung der Autoren der betreffendem Gattung deckt; diese HERDMAN’schen
Gattungen dürfen also bei Beurtheilung des Folgenden nicht mit den oben kritisirten
alten Gattungen verwechselt werden; falls zwecks Hervorhebung der verschiedenen Auffassungen
die älteren Gattungen in die Erörterung gezogen werden müssen, soll es nur unter Anführung des
älteren Autors geschehen. Die Gattungen Chorizocormus, Goodsiria und Synstyela im Sinne
Herdman’s sind lblgendermassen charakterisirt:
Colony formed o f small masses u nited b y stoions . . . . . . . . Chorizocormus.
Colony n ot broken np into masses and stoions, thick and -massive . . G o o d siria . ■
Colony not broken up into masse s a n d stoions, thin and inc ru sting . S yn sty e la .
In diesen Bestimmungen muss zunächst ein Satz erörtert werden, der mir auf einem Irrthum
zu beruhen scheint. Herdman nennt die Kolonien von Goodsiria „not broken up into masses
and stoions“. Ich habe zahlreiche Kolonien von den verschiedensten Punkten des magalhaensischen
Gebiets (im weitesten Sinne) und vom Kapland untersuchen können, die Herdman zweifellos in die
Gattung Goodsiria stellen würde, darunter eine, die sicher der HERDMAN’schen Art Goodsiria
placenta angehört. Diese vielen Kolonien entsprechen nicht, oder nur scheinbar (selten und nur so
lange sie lediglich äusserlich betrachtet wurden) dieser HERDMAN’schen (rocÄna-Bestimmung. Bei
genauer Untersuchung liess sich stets Stolouen-Bildung nachweisen. Ich glaube annehmen zu dürfen,
dass auch die HERDMAN’schen Goodsiria'Arten vom magalhaensischen Gebiet und vom Kapland bei
näherer Prüfung eine vielleicht verschleierte Stolonenbildung aufweisen würden. Es lässt sieh
wenigstens für einen Theil derselben eine Uebereinstimmung mit meinen Befunden feststellen. So
konnte ich nach einem dem Hamburgischen Museum angebörenden, auf der Kap-Agulhas-Bank ge-
dredgeten Stück, das zweifellos der Goodsiria placenta Herdman angehört, für diese Art feststellen,
dass sich der dicke Stiel basal in kurze Stolonen auflöst. Diese Stolonen sind schwer erkennbar;
sie verlieren sich in den fest zusammen gebackenen Sand- und Grantmassen des Untergrundes und
ragen nur ganz vereinzelt aus der anscheinend kompakten, inkrustirten Basalmasse hervor. Auch
die mit nackten Stielen versehene G. pedunculata Herdman, deren Basalmasse unbekannt ist, gehört
zweifellos, wie alle übrigen Formen mit nacktstieligen Stöcken, zu der Formengruppe, bei der die
Stöcke aus stolonenhaltigen Basalmassen herauswachsen. Bei G. coccinea Herdman finde ich keinen
Zoologlca. Heft 31. g