
Meiner Ansicht nach würde schon der sehr treffende Name „Polyzoa opuntia“ genügen,
um die Thiere dieser Gattung wiederzuerkennen. Die für ihr Zeitalter leidlich gute Beschreibung
L es so n’s lässt k e in e n Zweifel darüber, dass wir hier Thiere der später von Cunningham (Nat. Hist.
Magellan, p. 126) als Goodsiria bezeiehneten Gattung vor uns haben. Es hat also jener LESsoN’s eh e
Gattungsname, der übrigens etymologisch vollkommen korrekt ist (Polyzoa scilicet „Ascidia“ = viel-
thierige Ascidie) die Priorität vor dem CuNNiNGHAM’s ch en . Im Jahre 1898 gab ich in meiner vorläufigen
Mittheilung (Tunic. Magalh. Süd-Georg., p. 368) dieser Erkenntniss dadurch Ausdruck,
dass ich den Gattungsnamen Goodsiria durch Polyzoa ersetzte. Der Charakter jener in einen engen
Rahmen zusammen gedrängten Veröffentlichung verbot eine eingehende Erörterung dieser Angelegenheit;
auch glaubte ich vor Missverständnissen sicher zu sein, da die typische Art der Cunningh am-
sehen Gattung Goodsiria, G. coccínea, als fragliches Synonym zu einer der aufgeführten Polyzoa-
Arten, P. Gunninghami, gestellt war, ebenso wie der Typus der LESsoN’schen Gattung Polyzoa
als fragliches Synonym zu einer anderen Form, der P. pictonis var. Waerni. Wenn trotzdem H erdman
im Bericht über die Tunicaten-Litteratur (Zool. Rec., Tunic. p. 6) die Gattung Polyzoa als neue
Gattung behandelt, so muss ich die Verantwortung für dieses Missvörständniss von mir weisen. Ich
habe die Gattung Polyzoa nicht als „n. gen.“ bezeichnet, eine Bezeichnung, die ich bei der that-
sächlieh neuen Gattung jener Schrift, der Gattung Agnosia, nicht anzubringen versäumt habe. Bei
etwas genauerer Durchsicht meiner Schrift hätte schon die Anführung des Synonyms „Polyzoa
opuntia L e s so n“ den Referenten darauf führen müssen, dass es sich um eine sehr alte Gattungsbezeichnung
handle.
Die Gattung Polyzoa bildet in Gemeinschaft mit verwandten Formen eine kleine scharf
umschriebene Gruppe,' der der Rang einer Familie zukommt. Diese Familie wurde bisher allgemein
nach der Gattung Polystyela Gia r d als Farn. Polystyelidae bezeichnet. Bei der Unsicherheit, die
in Betreff dieser Gattung herrscht — es ist sehr zweifelhaft, ob sie aufrecht erhalten bleiben kann;
eine nähere Untersuchung des Typus der Gattung, der P. lemirri Giard, steht noch aus —, halte
ich es für richtiger, die nach den neuesten Untersuchungen wohlbekannte älteste Gattung dieser
Gruppe, die Gattung Polyzoa L e s so n, als den- Typus der Familie anzusehen. Ich bezeichne diese
letztere demnach als Farn. Polyzoidae.
Einer eingehenden Erörterung bedarf die weitere Gliederung dieser Familie, ihre Einthei-
lung in Gattungen. Ich leite diese Erörterung durch eine kritische Betrachtung der bisher aufgestellten
Gattungen ein. Die älteren Gattungen sind rein zufälliger Natur und zwar insofern zufällig,
als sie lediglich auf dem Objekt beruhten, welches den betreffenden Autoren gerade zur Hand kam.
Dieselben hatten nämlich nur jé eine Art vor sich, die sie ohne Kenntniss der früher aufgestellten
Gattungen als neue Gattung behandelten. In dieser Weise reihten sieh an die älteste Gattung Polyzoa
(L esson 1830) die Gattungen Thylacium (J. V. Carus 1850), Oculinaria (Gr ay 1868) und
Goodsiria (Cunningham 1871) an. Vielleicht ist hier auch die Gattung Pyura (E. B lanchard
1854) anzuführen; da jedoch ihre Zugehörigkeit zur Familie Polyzoidae sehr zweifelhaft ist, so mag
sie im Folgenden ganz unberücksichtigt bleiben. Giard war der erste, der zwei Polyzoidengattungen
aufstellte, nämlich Polystyela (Giard 1874) und Synstyela (Giard 1874). Ein eigentliches System,
eine Gegenüberstellung und Inbezugsetzung dieser verschiedenen Gattungen, wurde erst von Herdman,
der noch die Gattung Ghorizocormus (Herdman 1886) hinzufügte, ausgeführt. Ich will zunächst
diese bisher aufgestellten Gattungen einer Prüfung unterziehen, und zwar nach chronologischer
Ordnung.
JPolyzoa (L esson 1830: Zool. in: Voy. Coquille, p. 437% Die typische Art dieser Gattung,
P. opuntia, ist, von einigen unwesentlichen und z. Th. ziemlich unklaren Angaben Uber die innere
Organisation abgesehen, der Hauptsache nach durch die äussere Gestaltung der Kolonie verhältniss-
mässig gut charakterisirt. Im magalhaensischen Gebiet (einschliesslich der Falkland-Inseln, des
Fundortes der P. opuntia) sind nach dem reichen bisher bekannten bezw. mir vorliegenden Material
zwei Gattungen vertreten, die sich durch die Gestaltung der Kolonie (krustenförmig oder stolonifer)
scharf von einander unterscheiden. P. opuntia muss als die typische Art der stoloniferen raagal-
haensischen Polyzoidengattung (identisch mit der Gattung Goodsiria Cunningham) angesehen werden.
Die Identität der Art lässt sich nicht, sicher feststellen; wahrscheinlich ist Goodsiria pedunculata
H erdman mit Polyzoa opuntia identisch, vielleicht auch muss sie mit P. pictonis vereint werden,
und zwar würde für diesen Fall die var. Waerni ihr der Kolonie-Bildung nach am besten entsprechen.
T h y la c ium (Carus 1850: Zool. Scilly isl., p. 267) ist dem Aeusseren nach wie folgt
charakterisirt: „The common base is a broad fleshy stratum supporting closely set individuals; outer
tunic coriaceous; both orifices with four lobes; abdomen as long as tliorax.“ Die Charakteristik
der typischen Art, T. Sylvani, ergiebt keine weiteren Anhaltspunkte für die Beurtheilung der Gattung.
Ebensowenig trägt eine spätere Beschreibung Ald er ’s (Obs. British Tunic., p. 152) zu ihrer weiteren
Kenntniss bei. Da die typische Art bei der genauen Fundortsangabe wohl leicht wieder
aufzufinden ist, so wird sich der Charakter der Gattung Thylacium später feststellen lassen. Einstweilen
muss sie, als ungenügend charakterisirt, zu den fraglichen Gattungen gestellt werden. Fraglich
ist vor allem der in der HERDMAN’schen Bestimmungstabelle betonte Charakter, die Zweitheilung
des Personenkörpers in Thorax und Abdomen. Diese Zweitheilung ist weder von Carus noch von
A lder, den einzigen Forschern, die über eigene Untersuchungen an dieser Gattung berichten; genügend
gekennzeichnet worden. Ich meinerseits bezweifle, dass es sich hier um eine wesentliche Bildung
handelt, die der Abdomenbildung anderer Ascidien, so z. B. der Distomiden, an die Seite gestellt
werden kann. Wahrscheinlich soll unter Thorax nur der über die allgemeine Oberfläche des Stratums
hervorragende Theil der Personen, unter Abdomen nur der eingesenkte Theil verstanden werden.
Dieser Gattungscharakter würde sich demnach mit dem Hauptcharakter der Gattung Polystyela
Giard decken, und wie bei letzterer (siehe unten!) für die Gattungs-Formulirung bedeutungslos sein.
O c u lin a r ia (Gray 1868: Note on Oculinaria, p. 564) ist unhaltbar, falls sich nicht das
Originalmaterial der typischen Art, 0. australis, wieder auffinden lässt. Es geht aus der Beschreibung
und Abbildung nicht einmal sicher hervor, ob es sich um einen massigen Stock oder um eine
Krustenlorra, die eine schlanke Stützsubstanz umwächst, handelt. Kennzeichnend für die Unzulänglichkeit
dieser Gattung ist die Art der Sonderung derselben von der Gattung Goodsiria in Herd-
män’s Bestimmungstabelle (Rev. Olass. Tunic., p. 635):
Te st inerasted with s a n d ................................. Oculinaria.
T est n ot (or v e r y slig'htlv) incrusted with sand . . . . . G oodsiria.
Good siria (Cunningham 1871: Notes Voy. Nassau, p. 126) ist lediglich nach äusseren
Charakteren bestimmt und zweifellos mit der älteren Gattung Polyzoa (L esson 1830) zu vereinen.
Ich glaube, mit grösser Sicherheit der typischen Art, Goodsiria coccinea, eine Collection Polyzoiden
zuordnen zu dürfen, die annähernd an demselben Ort gefunden wurde wie das Originalstück, so
dass die Beurtheilung der CüNNiNGHAM’schen Gattung, d. h. ihre Einziehung zu Gunsten der älteren
LESSON’schen, noch an Sicherheit gewinnt.