
Sekundäre Achalicodermie ist die vorherrschende Kalklosigkeit der Cuticula bei spezialisierten
Formen niedriger und höherer Organisation. Die Verwandtschaft, Stammformen und Ahnen können
primäre Amorphochalicose, Morphochalicose oder sekundäre Amorphochalicose zeigen. Die Onto-
stadien können primär amorphkalkig sein oder aber sie durchlaufen die Morphochalicose und die
sekundäre Amorphochalicose.
In meinem Untersuchungsmaterial verteilen sich diese Fälle folgendermaßen, zum Teil mit
literarischen Daten ergänzt, wobei nur die Fälle berücksichtigt sind, wo die Kalkverhältnisse der
Cuticula unzweideutig feststellbar waren:
P r im ä r e A c h a lic o d e rm ie . Unter den Phyllopoden: Anostraca, Notostraca, Conchostraca
zum Teil, nämlich Leptestheria, Eulimnodia, Lynceus, Lynceiopsis. Unter den Cladoceren 29 untersuchte
Gattungen, von den Copepoden neun untersuchte Gattungen, von den Branchiuren beide
untersuchte Gattungen.
P r im ä r e A m o rp h o c h a lic o s e . Eine partielle, d. h. sich auf die Schale beschränkende Amorphochalicose
ist bei gewissen Conchostracen (Caenestheriella, Caenestheria, Leptestheria, Leptestheriella,
Eocyzicus), Cladoceren (Daphne, Ceriodaphnia, Moina, Alona, Peracantha, Chydorus, Simocephalm)
und höchstwahrscheinlich auch bei Ostracoden nachweisbar. Die amorphe Inkrustation von Porcelli-
dium und Alteutha ist kein Kalk.
Vorherrschend ist die primäre Amorphochalicose bei dem Leptostraken, d. h. bei Nebalia, welche
entweder als Entomostracon höchster Organisation oder als Malacostracon niedrigster Organisation
angesprochen wird. Als primär betrachte ich die Amorphochalicose der Lophogastridea ( Lophogaster,
Ceratolepis), d. h. die primitivere Unterordnung der Schizopoda (Mysidacea) und die der untersuchten
Aselloidea (Jaera, Asellus, Stenasellus), als die primitivste Unterordnung der Isopoda. Die höhere
Unterordnung der Mysidacea, d. h. Mysidea, sind sekundär achalicoderm, die höheren Isopoden,
sogar höchstwahrscheinlich die bunte Sippe der stark spezialisierten Paraselliden, sind kristallinisch
inkrustiert, usw. Es ist nicht ausgeschlossen, daß die Amorphochalicose der Stomatopoden (Squilla)
eine primäre, alte Erbschaft ist, weil diese Tiere, obwohl sie am Ende des Crustaceensystems placiert
werden, phylogenetisch den Protomalacostraken sich anschließen ( G i e s b r e c h t , 1. p. 234— 235).
M o rp h o c h a lic o s e . Mit primärer Achalicodermie kombiniert tr itt sie partiell in den Schalenbildungen
gewisser Phyllopoden (Gaenestheriella), Ostracoden (Iliodromus-, Xestoleberis-, Gandona-
Typus) und Cirrhipedien (Baianus, Aepas-Typus) auf. Vorherrschend ist sie bei den Cumaceen
(Diastylis-Typus), Tanaidaceen (Tanais-, Hexapleomera-, Leptochelia-Typus), höheren Isopoden
(Oniscus-, IAgidium-, Titanethes-, Idotea-, Cirolana-, Cymothoa-, Sphaeroma-Typus), Amphipoden
(Gammarus-Typus) und Decapoden (Alpheus-Typus; Homarus, Nephrops, Palinurus; Galathea,
Munida, Porcellana, Remipes, Eupagurus', Dromia, Homola, Ebalia, Inachus, Pisa, Maja, Corystes,
Carcinus, Portunus, Atelecyclus, Cancer, Pilumnus, Xantho, Telphusa, Pachygrapsus). Außerdem
kommt die Morphochalicose partiell mit den folgenden, sekundären Zuständen vor.
S e k u n d ä r e A m o rp h o c h a lic o s e . Es ist nicht ausgeschlossen, daß dieser Zustand auch bei
Entomostraken (? Halocypridae ? Cirrhipedia) vorkommt; wir kennen ihn jedoch bisher nür bei
Malakostraken. Unter den Isopoden (Ceratothoa-Typus, Emetha-Typus £ , Bopyrus-Typus <3) und
Amphipoden (Pontoporeia, Synurella, Orchestia, Talitrus, Hyale, Platyscelus, Urothoe-Typus, Caprella-
Typus) kommt sie bei abgeleiteten, spezialisierten Formen vor. Mit Vorbehalt stelle ich die
Amorphochalicose der Decapoden ( Palaemon, Peneus, Crangon, Potamobius, Philocheras, Macropodia,
Eupagurus, Paguristes) hieher. Eine partielle Morphochalicose ist oft mit der sekundären Amorphochalicose
verbunden.
S e k u n d ä r e A c h a lic o d e rm ie . Als sekundär achalicoderm müssen wir gewisse Ostracoden
(Sphaeromicola, Gigantocypris, Thaumatocypris) und Cirrhipedien (z. B. Bhizocephala) unter den
Entomostraken betrachten. Unter den Malakostraken ist dieser Zustand weit verbreitet, so bei
den Mysidaceen (Dasymysis, Gastrosaceus, Leptomysis, Siriella, Mysis), Isopoden (? Idotea Basten,
Emetha-Typus $, Bopyrus-Typus $), Amphipoden (Corophium, Phronima, Phronimella, Vibilia, Oxy-
cephalus, Phrosina-Typus), Euphausiaceen (Euphausia, Nyctiphanes, Nematoscelis, Stylocheiron),
Decapoden (Palaemonetes, Hippolyte, Aihanas, Aegeon, Lucifer, Pagurus-abdomen) und Stomatopoden
( Lysiosquilla). In einigen Fällen ist sie mit Morphochalicose oder sekundärer Amorphochalicose
kombiniert.
Ich bin nun der Meinung, daß die gegebene Fünfteilung der cuticularen Kalkverhältnisse insofern
ganz natürlich ist, als sie d e r p h y lo g e n e tis c h e n E n tw ic k lu n g d e s P a n z e r s e n t s p r i c h t
bezw. diese widerspiegelt. Wie ich schon erwähnte, kann ich in dem Kalkpanzer nicht mehr bloß eine
„Einlagerung“ , ein Zufallsprodukt des Spiels physikalisch-chemischer Faktoren sehen, vielmehr muß
ich ihn als einen integrierenden Teil des Organismus, als etwas Organartiges betrachten. Der Panzer
h a t seine eigene Lage, Gestaltung, Bau und Struktur, gesetzmäßige Topographie, Abgrenzung und
Lagerungsbeziehung gegenüber den Organen, seine eigene Funktion und Phylogenie1). Da die
morphologischen Eigenschaften des Panzers in den vorangegangenen Kapiteln eingehend behandelt
wurden, werde ich hier nur über die Funktion und Phylogenie des Panzers sprechen, um so mehr,
weil sie zueinander in enger Beziehung stehen.
Die Funktion des Panzers ist eine passive, also eine „Beanspruchung“ und sie ist auf die Kohäsion,
auf die Härte der Bauelemente des Panzers begründet. Diese passive Funktion des Panzers wirkt
in zweierlei Richtungen. Einerseits wird die Steifheit, Festigkeit, Widerstandsfähigkeit des Skelettes
gegenüber den Grundarten der mechanischen Beanspruchung (Druck, Zug, Schub, Scherung) durch
die eingelagerten Kalksalze erhöht, wodurch die Dauerfähigkeit des Organismus zunimmt, weü das
Tier gegen Feinde besser geschützt ist. Anderseits bietet das durch Panzer verstärkte Exoskelett
den Muskeln eine solidere Grundlage zur Anheftung, welcher Umstand die Möglichkeit einer stärkeren
Muskulatur und einer erhöhten Muskeltätigkeit in sich birgt. Als Nebenfunktion könnte noch die
Osmoregulation dem Panzer bei den homoioosmotischen Süßwasserarten zugesprochen werden
(S c h u m a n n , p. 702).
In dieser Beziehung repräsentiert also die kalkfreie Cuticula, die primäre Achalicodermie, die
primitivste Stufe. Eine mit amorphem Kalk inkrustierte Cuticula bedeutet den ersten Schritt in der
Vervollkommnung des Organismus. Der amorphe Kalk ist aber nicht besonders ha rt und zwecks
des Erreichens größerer Festigkeit müßte er in zu dicker Schicht angewendet werden. Die kristallinischen
Modifikationen des Kalkes sind wesentlich härter und deshalb wird dieselbe Funktion mit
weniger Strukturmaterial geleistet, bezw. dieselbe Materialmenge leistet an Funktion bedeutend mehr.
Es handelt sich also um das Maximum-Minimum-Prinzip der Konstruktion und wir müssen auch in
den bei den Tanaidaceen, Isopoden und Amphipoden nachgewiesenen statisch-funktionellen Strukturen
die Verwirklichung dieses Prinzips suchen. Diese merkwürdigen Strukturen (Randstruktur,
x) Dagegen sind die metabolischen Vorgänge n i c h t nachweisbar und die Bauelemente sind organismisch entstandene an -
o rg a n is c h e Gebilde.