
der Flugebene beobachtet. Dadurch erklärt sich natürlich auch der Umstand, warum die
Hummeln, von dieser Ebene des Fluges geleitet, zuerst an das Fenster heranfliegen und
erst später, im Falle eines Mißerfolges, anfangen, Schleifen nach rechts und links zu
beschreiben.
Sind nun die Hummeln befähigt, hierbei die Gestalt einzelner Gegenstände zu unterscheiden
?
Die Beobachtungen über das Einsammeln der Nahrung beweisen, daß die Hummeln
Komplexe blühender Pflanzen bis auf eine Entfernung von io Metern, Blütenstände auf bedeutend
geringere Entfernungen, einzelne Blüten dagegen erst auf ganz nahe Entfernungen
erblicken.1
Mit anderen Worten: Die Hummeln sind im Stande, mit Hilfe ihrer Sehorgane und
geleitet durch die Färbung der Gegenstände, größere Gegenstände bis auf eine Entfernung
von io Metern zu erkennen.
Können die Hummeln die Form der Gegenstände unterscheiden?
Weiter oben, als von dem Überwintern der Hummeln die Rede war, habe ich bereits
erwähnt, daß Bombus lapidarius auf der Suche nach einem Winterlager von einem
Erdhümpel zum anderen fliegt, welche er, je nach ih rer G rö ß e , in einer Entfernung
von 2— 5 Metern bemerkt.
Die Weibchen von Bombus terrestris fliegen auf der Suche nach einem Überwinterungsplatze
auf einer großen Waldwiese von einem Baume zum anderen, wobei sie
diese letzteren auf dieselbe Entfernung, bisweilen aber (wenn ein großer Baum einzeln dasteht)
auch auf eine größere Entfernung — bis zu io Meter |||- unterscheiden.
Aus diesen, wie auch aus anderen analogen Tatsachen, geht eo ipso die Schlußfolgerung
hervor, daß die Hummeln befähigt sind, die G e s ta lt der Gegenstände auf eine gewisse
Entfernung zu unterscheiden, und zwar ist diese Entfernung um so bedeutender, je
größer der Gegenstand und je bekannter seine Gestalt ist.
Es braucht natürlich nicht hervorgehoben zu werden, daß diese Fähigkeit sehr unvollkommen
ist, und daß die Hummeln, indem sie Bäume suchen, oft Gegenstände für
solche ansehen, welche gar keine Ähnlichkeit mit Bäumen haben. _und dieselben erst dann
erkennen, wenn sie sich ihnen mehr oder weniger genähert haben, worauf sie plötzlich die
Richtung des Fluges ändern, nachdem sie ihren Irrtum gewahr geworden sind.
Jetzt können wir begreifen, warum die Hummeln, noch b evor sie an die S e h grenze
h e ran g e flo g en sind, bereits im Stande sind, die Richtung ihres Fluges zu
korrigieren. Diese Fähigkeit tritt, wie aus meinen Beobachtungen hervorgeht, in einer Entfernung
bis zu io Metern und vielleicht auch etwas darüber, zu Tage. Die Grenze dieses
Sehens will ich zum Unterschiede von der S eh gren ze für einige Details des Gegenstandes
die U n te r s ch e id u n g sg ren z e nennen.
Indem wir aus allem, was über die Psychologie des Abfluges und des Rückfluges gesagt
wurde, die Summe ziehen, können wir nunmehr diesen komplizierten psychologischen
Prozeß zergliedern und ihn folgendermaßen erklären.
Indem die Hummel aus dem Neste herausfliegt, wird sie auf der Strecke N bis a
(Fig. 42) von ihrem Sehvermögen geleitet und prägt sich die das Nest umgebenden Gegen-
' Siehe das III. Kapitel dieser Arbeit.
stände bis zu einer Entfernung von etwa 1,75 m ein; über diese Grenze hinaus spielt das
Sehen, im direkten Sinne des Wortes, gar keine Rolle mehr. Hinter der Sehgrenze (p. v.)
beginnt ein Bereich, innerhalb dessen die Hummeln nur große Gegenstände mit mehr oder
weniger großer Deutlichkeit auf größere oder geringere Entfernung (je nach ihrer Größe)
zu unterscheiden im Stande sind. Die Unterscheidungsgrenze (pd) ist augenscheinlich auf
10 Meter beschränkt. Weiter hinaus erfolgt der Abflug und der Rückflug in gerader
Richtung (af und rf); als leitendes Kriterium für die Bestimmung dieser Strecke dient der
R ichtungs sinn.
An Ort und Stelle, beim Einsammeln der Tracht, erweisen sich die Augen der Hummeln
als Organe, welche ihnen die Möglichkeit bieten, hauptsächlich die Farben (wie dies
im III. Kapitel angegeben worden ist) und in gewisser Entfernung auch die Gestalt der
Pflanzen zu unterscheiden. Weder diese noch jene prägen sich dem Gedächtnisse der Hummeln
ein, da diese letzteren, um sich eines Gegenstandes zu erinnern, denselben viele Male
umfliegen müssen, wobei sie sich in gewohnter Weise zickzackartig um ihn herumbewegen.
Von den unzähligen Gegenständen, welche die Hummeln auf dem Wege vom Neste
zu dem Orte, wo die Nahrung gesammelt wird und zurück antreffen, braucht demnach nur
ein ganz minimaler Teil dem Gedächtnisse eingeprägt zu werden: und zwar derjenige Teil,
welcher innerhalb einer Sphäre von 140— 175 cm Durchmesser mit dem Neste als Mittelpunkt
gelegen ist; dabei können sich die Hummeln auch diesen Bruchteil der Gegenstände nur
von einem Gesichtspunkte aus einprägen, nämlich indem sie ihnen den Kopf zuwenden und
andauerpd im Zickzack an ihnen vorbeifliegen.
Alles dagegen, was über die Grenzen dieser Sphäre hinaus liegt, prägt sich ihrem
Gedächtnisse in der Eigenschaft von Gegenständen, welche ihren Flug leiten könnten, nicht
mehr ein, wenigstens nicht in der Art, daß wir den geringsten Grund haben würden, bei
den Hummeln einen dem üblichen Begriffe des Sehens entsprechenden Sinn vorauszusetzen.
Eine Ausnahme von dieser Regel müssen wir nur für jene kleine Strecke vor dem Neste
machen, auf welcher die Hummeln die Fähigkeit zum undeutlichen Unterscheiden größerer
ih n en b e k a n n te r Gegenstände besitzen, die augenscheinlich sowohl beim Ausfluge aus
dem Neste als auch bei der Rückkehr in dasselbe dem Gedächtnisse eingeprägt werden.
Die biologische Bedeutung der beschriebenen Erscheinungen besteht offenbar darin,
daß von jener elementaren Fähigkeit der Hummeln, Gegenstände im Gedächtnisse zu bewahren,
welche zweifelsohne ihre Wirkung versagen würde, wenn selbst einigermaßen größere Anforderungen
an sie gestellt würden, möglichst sparsam Gebrauch gemacht wird. Durch diese
elementare Fähigkeit des Bewahrens im Gedächtnisse erklärt sich denn auch natürlich,
warum die Hummeln nicht die geringste „Verwirrung“ an den Tag legen, wenn sie zum
Beispiel aus dem Walde in das Zimmer eines Gutsgebäudes geraten u. dergl. m.1 Bei ihnen
1 Einen schlagenden Beweis für die Richtigkeit des soeben Gesagten bieten die Beobachtungen an Hummeln,
welche ich vom Gute nach Moskau über führte. Nachdem sie das neue Fenster in der gewohnten Weise besichtigt hatten,
flogen die Hummeln in einen kleinen, vor den Fenstern gelegenen Garten, erhoben sich dann über das dreistöckige Haus,
flogen über das Dach und kamen mir aus den Au g en ; nach 20—30 Minuten kamen sie jedoch in ebenso raschem und
sicherem Fluge in ihr Nest zurück, als wäre an dieser Stelle nur ihr Fen ster allein und nicht deren Hunderte rechts und
links davon, und dazu alle von gleicher Größe, Färbung und Gestalt.
De r Grund hierfür ist d e r , daß für die Hummeln in d er T a t nur ein einziges F en ster existiert, indem sie nur
dasjenige unter ihnen kennen und sehen, w e l c h e s am E n d e i h r e s W e g e s l i e g t ; für die Bestimmung dieses Weges