
Schicht des Nestes leitet, herausgearbeitet hat, sondern umgekehrt zu der Zeit, als sie mit
der Verwendung besonderen Materiales für die basale, untere Schicht begannen. Die obere
Schicht ist bei diesen Hummeln nicht das Produkt eines sekundären, sondern dasjenige eines
ursprünglichen Instinktes, und stammt aus einer Zeit, wo Hummeln ihr Nest an der Oberfläche
der Erde aus einem Materiale verfertigten, welches ohne Auswahl, so wie es sich neben dem
Orte findet, wo das Nest angelegt wurde, gesammelt worden war. Es unterliegt keinem
Zweifel, daß solch ein grobes, primitives Material das Nest von oben ausgezeichnet vor
Feinden schützte, von unten aber nur ungenügend. Die Differenzierung des Materiales, eine
Folge der Vervollkommnung der betreffenden Schicht des Nestes, ist später auf getreten und
diese Schicht selbst, nicht aber die obere, bildet demnach natürlich das Resultat einer progressiven
Vervollkommnung in dem Materiale des Baues.
Nach dem oben Gesagten versteht es sich von selbst, daß ungewöhnliche Gegenstände,
die in der oberen Schicht des Nestes bisweilen enthalten sind, nicht als Beweis dafür dienen
können, daß die Hummeln, durch Überlegung geleitet, das Material für das Nest wechseln,
indem sie demselben neue, passendere Gegenstände hinzufügen; ||r eine Ansicht, die von
den Vertretern der alten tierpsychologischen Schule, dem großen D a rw in , dem berühmten
W a lla c e und nach ihnen einer langen Reihe mehr oder weniger glücklicher Nachfolger
ausgesprochen wird.
Roman es z. B. erzählt (nach Worten anderer, wie dies meist geschieht), daß Hummeln
in der Nähe menschlicher Wohnstätten an f in g e n , Fäden von Baumwollengeweben
als Material zu ihren Bauten zu verwenden; dieser Umstand veranlaßt den Autor zu der
Schlußfolgerung, daß die Baukunst der Hummeln fo r t s c h r e ite ,1 und zwar nicht einfach,
sondern bewußt fortschreite: die Hummeln wählen Neues, Besseres.
Das Studium der Hummelnester zeigt uns mit völliger Klarheit das Unsinnige dieser
Vermutung: von allem anderen abgesehen, genügt es darauf hinzuweisen, daß die Hummeln,
falls sie sich von den Erwägungen leiten ließen, welche ihnen von diesen oder jenen
Autoren zugeschrieben werden, ihre Arbeit, wie dies aus dem oben Gesagten von selbst
hervorgeht, immer s ch le ch te r und s ch le ch te r , d. h. immer weniger zweckmäßig ausführen
würden.
Ich fand in der oberen Schicht eines Nestes von Bombus muscorum ein Stückchen
von der Haut einer Kreuzotter, welches bei der Häutung abgeworfen worden war; es wäre
interessant, zu wissen, wie Rom an es dieses Baumaterial qualifiziert haben würde: im Sinne
eines Fortschrittes oder in demjenigen eines Rückschrittes des Instinktes? Die Tatsachen lehren
uns, daß in diesem Falle weder die eine noch die andere dieser Erscheinungen vorliegt,
sondern die gewohnte Erscheinung, daß für die Deckschicht jedes b e lie b ig e zur Hand
b e fin d lich e Material soweit verwendet wird, als dies ohne Auswahl zulässig ist.
Ich besitze ein Nest von Bombus lapidarius, dessen umfangreiche Wachsdecke mit
Schichten von verschiedenen Materialien bedeckt wurde, welche ich den Hummeln vorlegte:
zuerst dünne, trockene, graugefärbte Grashalme, darauf in kleine Stücke zerschnittenes Fließ1
Diesen Gedanken entlehnte R o m a n e s bei W a l l a c e , welcher denselben in Bezug au f das Material der Vo ge lnester
mitteilte; dieser Gedanke ist, in Wahrheit gesagt, einer der mißlungensten von allen, welche dieser hervorragende
Gelehrte jemals ausgesprochen hat. Siehe meine Arb eit : Die Stadtschwalbe (Chelidon urbica), ihre Industrie und ihr Leben,
als Material für die vergleichende Psychologie. Mém. Acad. Sciences St. Pétersbourg, T . X , No. 6, 1900.
papier von roter Farbe und hierauf Moospartikelchen; zum Schlüsse, als ich auf gehört
hatte, den Hummeln Material zur Bedeckung des Nestes anzubieten, zerrupften sie alle
neben dem Neste liegenden Wabenzellen und brachten das auf diese Art gewonnene lose
Gewebe in der gewohnten Weise auf dem Deckel des Nestes an.
A bw eich u n gen in der Auswahl des Materiales sind natürlich möglich, aber erstens
sind sie nicht durch die Fälle von Einschließung eines Stückchens Zeitungspapier oder schwarzer
und weißer Fäden u. s. w. in das Baumaterial repräsentiert, welche nichts beweisen, obgleich
die Beschreibungen solcher Fälle von mehr oder weniger umfangreichen Betrachtungen der
Autoren über die Verständigkeit der betreffenden Tiere begleitet zu sein pflegen, und zweitens
sind diese Abweichungen außerordentlich selten.
Im Verlaufe meiner vieljährigen Beobachtungen der Hummeln habe ich nur ein einziges
Mal eine Abweichung von der üblichen Auswahl des Materiales für die Deckschicht
eines Hummelnestes beobachtet. Ich habe oben gesagt, daß das Material für das Nest entweder
als an Ort und Stelle vorgefunden oder als herbeigetragen betrachtet werden kann, wobei
das Material in den Fällen, wo es die oberste Schicht eines offenen Nestes bildet, stets
ein Vorgefundenes ist, so daß es das Nest in dessen Umgebung vorzüglich maskiert.
Einmal jedoch fand ich in einem Waldgraben ein ausgezeichnet ausgeführtes, großes
Nest (von 20x34 cm Durchmesser! welches, obgleich ganz fertiggestellt, dennoch ganz leer
war und keinerlei Anzeichen des Bewohntseins aufwies, und welches^/sich scharf von den
dasselbe umgebenden Gegenständen abhob. Der Graben war dicht mit trockenem vorjährigem
Laube ausgekleidet, in welchem hier und da grüner Graswuchs zu sehen war. Moos
war in der Nähe äußerst spärlich vertreten und doch bestand die Deckschicht des Nestes
fast ausschließlich aus solchem, so daß das Nest sich von der Umgebung scharf abhob und
von weitem in die Augen fiel. Das gesamte Material war augenscheinlich h e rb e ig e tra g en
und speziell zu diesem Zwecke ausgesucht worden. Unstreitig liegt hier eine Abweichung
des Instinktes vor und ebensowenig kann bestritten werden, daß diese Abweichung eine
mißlungene ist; hierdurch läßt sich natürlich auch der Umstand erklären, daß das Nest noch
vor der Eiablage, sofort nach Beendigung des Baues, von dem Weibchen aufgegeben wurde.
Es war von irgend einem Feinde der Hummeln bedroht worden, wobei das Weibchen entweder
Zeit fand, sich in Sicherheit zu bringen, oder aber noch vor der Eiablage vernichtet
wurde.
Natürlich unterliegt es keinem Zweifel, daß derartige Abweichungen auch in einer
für die Hummeln günstigen Richtung möglich sind und sie werden in diesem Falle, wie
auch andere analoge Abweichungen, unter den Schutz der Auslese gelangen können.
Der erwähnte Fall ist unter anderem auch in der Hinsicht von Interesse, als er ein
anschauliches Beispiel dafür bietet, welch ungeheuer großen Umfang die Folgen der Abänderung
irgend eines Instinktes annehmen können: die Hummel begann, statt das direkt
neben dem Neste liegende Material aufzunehmen, dasselbe von solchen Stellen zu holen, welche
in der weiteren Umgebung des Nestes liegen, und die Folge davon war die, daß die gesamte
Physiognomie des Nestes, ja die ganze Bedeutung des Baues mit einem Male verschwunden
ist; es entstand etwas völlig Neues, in diesem Falle Mißlungenes, und die Auslese „hat der
fehlgegangenen Abweichung in deren Entstehung ein Ende gemacht“ .