
das Nest unmittelbar umgeben, ohne be son de re Auswahl. Dieses Material kann man als
das „an Ort und Stelle Vorgefundene“ bezeichnen.1 Ausschließlich solches beobachten wir z. B.
bei B. lapidarius. Bauen sie ihr Nest in fertigen, geschützten Winkeln, wie z. B. in Stroh,
Heu, Reisig, zwischen Steinen, unter abgefallenen Blättern, Moos, so fügen diese Hummeln zu
dem fertig Vorgefundenen noch Material hinzu, welches sie in der Nähe finden können.
Wird das Nest an offenen Plätzen, wie auf Brachfeldern, Wiesen oder in Gärten angelegt,
so schleppen die Hummeln in der Nähe liegende trockene Gras- und Blattstengel u.dgl.m.
zu dem Bauplatze heran. Bei anderen Hummeln, wie z. B. bei B. terrestris, liegt die Sache
anders. Indem diese ihr Nest unter der Erde anlegen, haben sie schon nicht mehr die
Möglichkeit, das dazu nötige Baumaterial in der nächsten Nähe aufzunehmen, sondern sie
sind gezwungen, dasselbe aus einer mehr oder weniger beträchtlichen Entfernung h e rb e izu
h o len . Hier wird das Material demnach nicht nur ein Vorgefundenes, sondern auch ein
h in zu g e tra g en e s sein. Es besteht fast ausschließlich aus dünnen, zarten, kurzen Hähnchen
von krautartigen Gewächsen, welche die Hummeln von den dem Nest zunächst liegenden
Orten in ihren Kiefern nach dem Bestimmungsorte schaffen. Die Wahl dieses Materiales
beruht auf dessen Transportfähigkeit, welche in diesem Falle von ganz besonderer
Wichtigkeit ist, da dasselbe in einen unterirdischen Gang verbracht werden muß.
Die Verwendung des Materiales ist nicht überall und nicht bei allen Hummeln die
gleiche. In den unterirdischen Nestern dient dasselbe lediglich als ein Mittel, um die Familie
vor Feuchtigkeit und vor jenen feindlichen Elementen zu schützen, welche aus dem umgebenden
Medium in das Nest dringen können. Bei den Hummeln aber, welche ihr Nest an der
Oberfläche der Erde anlegen, erhält das Material eine kompliziertere Bedeutung: es muß
nicht nur den bereits angeführten, sondern außerdem auch noch anderen Anforderungen genügen,
welche dort nicht vorhanden waren.
Vor allem bemerken wir hier, daß das Material des Nestes nicht gleichartig ist, indem
es sowohl in seiner Zusammensetzung als auch nach seiner Bedeutung eine Differenzierung
erfahren hat. So wird z. B. bei B. muscorum der untere Teil des - Nestes aus
kleinen Partikeln von Blättern, Stengeln u. dergl. m. gebildet. Indem dieselben den Boden
des Nestes dicht auskleiden, erfüllen sie denselben Zweck, der durch das gleiche Material
bei den unterirdischen Nestern erreicht wird, und sind, ebenso wie bei diesen, ein hinzugetragenes
Material. Die obere Deckschicht des Nestes hingegen besteht stets aus an Ort und
Stelle Vorgefundenem Materiale: es wird aus solchen mehr oder weniger leicht herbeizuschaffen1
den Gegenständen zusammengesetzt, welche das Nest in größter Menge umgeben. Wird
das Nest von B. muscorum in einem Birkenwalde angelegt, in welchem der Boden nur
mit trockenen Blättern und Teilen von solchen d ich t bedeckt ist, so besteht auch die oberste
Schicht des Nestes nur aus trockenen Blättern und deren Bruchstücken, durch welche das
Nest in dem dasselbe umgebenden Milieu vollständig unsichtbar gemacht wird. Ist das Nest
an einem Platze angelegt, wo außer den Blättern auch Moos vorkommt, so wird in der obersten
Schicht des Nestes außer Blättern auch Moos enthalten sein. Da, wo die Erde hauptsächlich
mit Moos bedeckt ist, werden wir in der Deckschicht des Nestes auch vorzugsweise
Moosteilchen finden.
Wird ein Nest dieser selben Hummelart auf einem brach liegenden Felde angelegt,
so besteht seine oberste Schicht aus trockenen Halmen, wie sie ringsherum auf demselben
Brachfelde angetroffen werden; in dieser Schicht wird man hier kein einziges trockenes
Blatt, kein Stückchen Moos finden.
Ein ebensolches zur Hand befindliches Material sehen wir auch in den oberirdischen
Nestern von B. variabilis.
Ein Nest dieser Hummeln, welches im Garten gefunden wurde, erwies sich als hauptsächlich
aus Grashalmen bestehend. Ein Nest, welches auf einer in einem Birkenwald gelegenen
Blöße gefunden würde, war hauptsächlich aus Teilchen von trockenen Birkenblättern,
sowie aus trockenen Grashalmen auf gebaut. Ein Nest, welches auf einer Waldwiese,
in einem aus Kiefern und Birken gemischten Bestände verfertigt worden war, bestand
hauptsächlich aus Moos und trockenem Grase, u. s. w.
Es versteht sich natürlich von selbst, daß eine derartige Zusammensetzung des Materiales,
aus welchem das Nest besteht, den passendsten Schutz dieses letzteren bildet; das
Nest wird durch sein Schutzdach vor den Blicken derer bewahrt, für welche es im Interesse
ihrer eigenen Zwecke und zum Schaden der Hummeln wünschenswert wäre, desselben ansichtig
zu werden. Wir haben demnach einen der Schutzfärbung der Tiere analogen Fall
vor uns. Der ganze Unterschied besteht darin, daß letztere durch die Auslese „zufällig“
fehlgehender morphologischer Merkmale zu Stande gekommen ist, hier dagegen durch die
Auslese entsprechender Abweichungen des Instinktes. Bis zu welcher Vollkommenheit die
Schutzfärbung des Hummelnestes ihren Zweck erreicht, ergibt sich unter anderem auch aus
folgender Tatsache. Im Jahre 190.1 fand ich auf etwa 12— 15 % d ie s jä h r ig e r Nester
gegen 85 p/ö aus dem v o rig en Jahre stammender Nester. Dieser Umstand erklärt sich natürlich
dadurch, daß das Material des vorjährigen Nestes sich den Herbst, Winter und
Frühling hindurch verändert und seine Farbe verloren hat, d. h. bis zu einem solchen Grade
ausgeblichen ist, daß es nicht mehr geeignet ist, eine seiner wichtigsten Funktionen — das
Niest vor dessen Feinden zu verbergen auszuüben.
Im Jahre 1902 fand ich im Verlaufe der ersten Woche des Sommers 8 vorjährige
Nester und kein einziges von dem betreffenden Jahre. Dies erklärt sich zum Teil natürlich
auch dadurch, daß die vorjährigen Nester größer sind, da die Nester zum Herbste das
Maximum ihres Umfanges erreichen, im Frühjahr dagegen nur klein sind; dieser Umstand
Spielt jedoch eine untergeordnete Rolle, während der Hauptgrund in der Eigenschaft des
Materiales zu suchen ist, welches nur die frischen Nester an deren Fundorten vollständig
maskiert.
Die außerordentliche Wichtigkeit der Endresultate der Arbeit wird hier, wie überall
in der Natur, mit den allerminimalsten Mitteln erreicht. Die bemerkenswerte Zweckmäßigkeit
in der Auswahl des; Materiales für die obersten Schichten des Nestes wird nur dadurch
erreicht, daß sie sozusagen ohne Wahl erfolgt, in viel primitiverer Weise, als dies für die
unteren Schichten erforderlich ist. Ich bin daher vollständig davon überzeugt, daß trotz des
scheinbaren „Scharfsinnes“ in der Wahl des Materiales für die obere Schicht des Nestes,
die Differenzierung, d. h. die Vervollkommnung in der Auswahl des Materiales, nicht damals
eintrat, als sich bei diesen Hummeln derjenige Instinkt, welcher sie während der Verfertigung
jener den Beobachter durch ihre Zweckmäßigkeit in Erstaunen versetzenden Deck-
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