
eier und -larven vernichtet. Meist werden alle Drohnen, deren Zahl bis zu Tausend beträgt, an einem
Tage getötet.
Was diese Tätigkeit der Bienenarbeiterinnen in psychologischer Hinsicht nun auch
bedeuten mag — einen Instinkt oder eine Vernunfthandlung mit bestimmter Vorstellung
von dem zu erreichenden Zwecke Bjgjedenfalls enthüllt sie das Wesen der „geschwisterlichen
Gefühle“ zwischen Arbeiterinnen und Drohnen.
Roman es, von seiner gewohnten Methode geleitet, die Frage ad hominem zu entscheiden,
führt zur Erklärung dieser Erscheinung folgende Zeilen^Büchners an1, die er
widerspruchslos mitteilt, indem er augenscheinlich die Ansichten dieses Autors teilt.
„Der Umstand, daß das Töten der Drohnen nicht ausschließlich aus instinktivem Antriebe erfolgt,
sondern mit vollem Bewußtsein des beabsichtigten Zieles, wird nach der Ansicht des Autors dadurch bewiesen,
daß die Drohnenschlacht um so vollständiger und mitleidsloser ins Werk gesetzt wird, je fruchtbarer
das Weibchen ist. Unterliegt jedoch diese Fruchtbarkeit einem ernsten Zweifel, oder wurde das
Weibchen zu spät oder gar nicht befruchtet, und legt es aus diesem Grunde ausschließlich Drohneneier,
oder endlich: ist das Weibchen überhaupt unfruchtbar und werden darum neue Weibchen aus Arbeiterinnenlarven
herangezogen, die später befruchtet werden müssen, — so werden einige oder alle Drohnen am
Leben gelassen in der deutlichen Voraussicht davon, daß ihre Dienste noch nötig sein werden. Als einen
nicht weniger deutlichen Beweis für eine vernunftsgemäße Überlegung und die Fähigkeit mit den gegebenen
Umständen zu rechnen, müssen wir nach Ansicht des Autors auch den Umstand auffassen, daß die Bienen
eines Stockes, welcher aus unserem gemäßigten Klima nach dem Süden verbracht wird, wo die Periode des
Futtereinbringens von längerer Dauer ist, ihre Drohnen nicht wie gewöhnlich im August, sondern erst später
töten.
Die Bienen führen demnach die Drohnenschlacht mit vollem B ew u ß tse in und in
Voraussicht einer ganzen Reihe von Erscheinungen aus, welche davon abhängen, zu welcher
Zeit das Weibchen befruchtet worden ist, ob dasselbe fruchtbar ist u. s. w.
Ohne auf den völlig grundlosen Anthropomorphismus eines solchen Raisonnements
einzugehen, bin ich erstaunt darüber, wie R oman es sich einen groben logischen Fehler
zu schulden kommen lassen konnte, indem er einerseits die genannte Ansicht B üchners
über die Fähigkeit der Bienen zu solch „verständigen Berechnungen“ und wunderbarer Voraussicht
anführt, andererseits gleich darauf seiner Verwunderung darüber Ausdruck gibt,
daß die Bienen nicht auf den Gedanken gekommen sind, die Drohnen „in der zu diesem
Zwecke günstigsten Zeit“ zu töten; als solche betrachtet er nämlich diejenige Entwicklungsphase,
wo die Drohnen sich auf dem Larvenstadium befinden. So kommt er zu dem
Schlüsse, daß die Vernichtung der Drohnen durch die Bienenarbeiterinnen „d as a l l e r a
u ffa llen d s te B e isp ie l eines u n v o llk om m e n e n In s t in k t e s im g a n z en T ie r r
e ic h e “ sei! Offenbar gibt es hier nur zwei, einander ausschließende Möglichkeiten.
Entweder betrachtet man das Vertilgen der Drohnen als einen reinen Instinkt, an dem Vernunft
nicht den geringsten Anteil hat, dann kann man (wenn auch mit gewissem Vorbehalte)
davon sprechen, daß dieser Instinkt unvollkommen sei; oder aber es sind die Handlungen
der Bienenarbeiterinnen Vernunftshandlungen, dann kann hier von einer Unvollkommenheit
gar -keine Rede sein: denn wenn die Bienenarbeiterinnen so gescheit sind, in gewissen, viel
komplizierteren Fällen die Drohnen überhaupt nicht zu töten, so ist doch klar, daß sie in
diesem einfachen Falle erst recht nicht aus Torheit handeln, sondern irgend etwas voraus-
NB. ln freier W iede rg ab e !
sehen werden, was dem Naturforscher entgeht. — Übrigens ist schwer zu entscheiden,
welche von beiden Auffassungen mehr dazu angetan ist, das gänzliche Fehlen einer
schwesterlichen Liebe zwischen Bienen und Drohnen mit größerer Evidenz zu beweisen:
beide Möglichkeiten lösen diese Aufgabe in gleichem Maße deutlich und bestimmt.
Die Hummeln töten weder ihre Drohnen, noch jagen sie dieselben zum Neste hinaus;
allein sie vertreiben sie am Tage von den mit Honig gefüllten Zellen, wenn die
Drohnen sich einfallen lassen, davon zu saugen, ganz wie sie sich auch untereinander in dem
gleichen Falle vertreiben würden. Dabei kommt es nicht selten zu einer wahren Balgerei:
ertappt eine Hummel eine Arbeiterin aus dem gleichen Neste auf der Tat, so jagt sie dieselbe
fort, wobei sie die Genossin bald am Beine, bald am Flügel hinwegschleppt; endlich
stürzt sie sich auf dieselbe und beide rollen kopfüber die Waben herunter, meistens ohne
sich den geringsten Schaden zuzufügen.
Einer der wesentlichsten Unterschiede zwischen den Beziehungen der Hummeln zu
ihren „Brüdern“ und dem Verhalten bei den Bienen besteht demnach darin, daß die
Hummelarbeiterinnen ihre Nahrungsvorräte in g le ich em Maße vor den Männchen wie
auch voreinander verteidigen. In allem übrigen besitzen die Unterschiede nur quantitativen,
nicht aber qualitativen Wert. Die Tatsachen zeigen, daß das Töten der Drohnen bei den
Bienen durchaus nicht mit einer bestimmten Jahreszeit im Zusammenhänge steht, noch
weniger aber mit der Vorstellung des bevorstehenden Winters oder anderen, auf einer Befähigung
der Bienen, Ereignisse vo ra u s zu seh en , beruhenden Erwägungen. Das Vertreiben
der Drohnen erscheint vielmehr bei Bienen wie Hummeln nicht als ein den
Ereignissen, welche angeblich erwartet und weise von ihnen vorausgesehen werden,
v o r a n g e h e n d e r Akt, sondern als ein Akt, der u nm it te lb a r auf gewisse Ereignisse
f o lg t , und aus diesem Grunde keinerlei Voraussehens bedarf. Daß sich dieses
in der Tat so verhält, können wir aus dem Umstande entnehmen, daß wenn unmittelbar
auf ein günstiges Frühjahr andauerndes kaltes und regnerisches Wetter eintritt, die Bienen-
arbeiterinn^n ihre Drohnen vor dem B eg inn e des Schwärmens umbringen. Es ist daher
klar, daß die Drohnenschlacht bei den Bienen als die F o lg e einer auf verhältnismäßig
lange Zeit sich einstellenden Kargheit der Tracht aufzufassen ist, nicht aber als ein Akt,
welcher auf Erwägungen bezüglich der Zukunft begründet ist.
Das sind die Tatsachen, die uns auf die Frage nach der Psychologie der gegenseitigen
Gefühle bei den Familiengliedern „sozialer“ Insekten Antwort geben; diese Tatsachen
erweisen, daß bei denselben weder Liebe, noch Sympathie, noch eine wenn auch
minimale Befähigung vorhanden ist, bei einem etwaigen Mißgeschick gegenseitiges Mitgefühl
an den Tag zu legen.
K a p ite l IV.
Über die Einrichtung der Waben und die damit zusammenhängende
Tätigkeit der Hummeln.
Die Autoren unterscheiden in den Bauten der Hummeln eine viel geringere- Anzahl
von Bestandteilen, als deren in der Tat vorhanden sind; überdies wird das wenige, was
unterschieden wird, in solcher Weise benannt, daß derselbe Name für mehrere durchaus
Zoologica. Heft 46. 1 6