
klärung zu erhalten: Geht hier dasselbe vor sich, was wir bereits im kleinen bei der Beobachtung
der Rückkehr und des Ausfluges im Zwinger gesehen haben, oder beobachten
wir hier, unter Bedingungen, welche mit denen des Lebens in der Freiheit identisch sind,
etwas anderes?
Auf diese grundlegende Frage in der Psychologie des Abfluges der Hummeln und
ihrer Heimkehr in das Nest geben die Tatsachen folgende Antwort.
Ich muß daran erinnern, daß die Hummeln sich die Lage des Nestes stets auf die
Weise einprägen, daß sie den Kopf demselben zuwenden, wie wir dies soeben gesehen
haben. Nachdem sie in dieser Stellung einen Augenblick still gehalten haben, fliegen sie
weiter, drehen sich nochmals nach dem Neste um, wiederholen dieses Manöver von
neuem u. s. w. Bisweilen beschreiben sie dagegen eine ganze Reihe von Schleifen, ohne
sich auch nur ein einziges Mal mit dem Kopfe von dem Neste abzuwenden, und fliegen
rückwärts davon. Diese Tatsachen berechtigen uns zu der Annahme, daß sich irgend ein
doppelter psychologischer Prozeß vor unseren Augen abspielt: offenbar können die Hummeln
Gegenstände (und zugleich auch die Lage des Nestes) nicht bei jeder beliebigen Stellung
ihres Kopfes (in Bezug auf die betreffenden Gegenstände) dem Gedächtnisse einprägen.
Mit anderen Worten, die Eindrücke, welche die Hummeln von der Betrachtung der Gegenstände
A und B aufnehmen, wenn der erste von ihnen sich rechts, der zweite dagegen links
befindet, sind nicht identisch mit den von denselben Gegenständen erhaltenen Eindrücken,
wenn diese Gegenstände sich den Augen in der umgekehrten Lage darbieten, d. h. wenn
sich der Gegenstand A links und der Gegenstand B rechts befindet.
Von der Richtigkeit dieser für die Erklärung der Psychologie des Prozesses so wichtigen
Voraussetzung werden wir durch vier Kategorien von Tatsachen überzeugt, und zwar:
a) Durch den direk ten V e rsu ch : der Beobachtende braucht sich nur bei den
ersten Ausflügen der Hummeln aus dem Neste rechts von dem Fenster aufzustellen und,
wenn der Ausflug vor sich gegangen ist, auf die linke Seite herüberzugehen und alsbald
wird die „Unentschlossenheit“ der Hummeln sich auf das deutlichste offenbaren: die einen
werden den Weg revidieren, indem sie das Fenster von außen besichtigen und erst dann
in das Zimmer hereinfliegen, nachdem sie sich davon „überzeugt“ haben, daß der Weg
richtig zurückgelegt worden ist, andere dagegen werden wieder fortfliegen.
b) Durch Tatsachen, welche beweisen, daß, wenn man die Plummel bei ihrem ersten
Ausfluge aus dem an einer neuen Stelle befindlichen Neste daran verhindert, die Gegend
in der Weise zu besichtigen, daß sie den Kop f dem Neste zuwendet, sie niemals
zurückkehren wird.
c) Durch Tatsachen, welche uns beweisen, daß eine Hummel, der bei dem ersten
Ausfluge aus dem an einer neuen Stelle befindlichen Neste erst dann die Möglichkeit geboten
wird, die Besichtigung der Umgegend vorzunehmen, wenn sie bis auf eine (natürlich
relativ) große Entfernung von demselben fortgeflogen ist, bei ihrer Rückkehr nur bis zu
jener Stelle gelangen wird, von wo sie zum ersten Male die Möglichkeit hatte, die Besichtigung
vorzunehmen.
In nachstehendem teile ich eine der vielen mir zur Verfügung stehenden und zu dieser
Kategorie gehörigen Beobachtungen mit. Nachdem ein Nest aus dem Kasten, in welchem
es aus dem Walde gebracht worden war, in das Zimmer gesetzt wurde, flog eine Hummel
um io Uhr vormittags aus; die Strecke A— B (Fig. 39) durchflog sie rasch und ohne Unterbrechung
und bemerkte erst, als sie bei B angekommen war, daß die Umgebung für sie
neu war, weshalb sie begann, eine Besichtigung a, b, c, d vorzunehmen. Das Nest wurde
verdeckt, so daß keine weitere Hummel aus demselben herausfliegen konnte. Die bereits
herausgeflogene Hummel flog nun 8 Stunden nacheinander in der Nähe des Fensters bis
zu dem Punkte B herum, indem sie das Nest suchte, gelangte aber nicht weiter. Mit anderen
Worten, sie e rkannte den Weg nur bis zu derjenigen Stelle, von welcher aus sie ihre
Besichtigung begonnen hatte. An diesem Tage stellte ich keine weiteren Beobachtungen an.
Am Morgen des nächsten Tages fand sich diese Hummel immer noch an demselben
Fenster, durch welches sie aus dem Neste herausgeflogen war, und setzte ihre fruchtlosen
Nachforschungen fort. Diese Tatsache ist auffallend und von höchstem Interesse.
d) Die Richtigkeit der Voraussetzung, daß die Hummeln bei dem Abfluge die Gegenstände
ihrem Gedächtnisse in der Form einprägen, wie sie sich ihnen bei der R ü ck kehr
da rb ieten werden, wird durch eine Kategorie von Tatsachen nachgewiesen, welche
Zeugnis davon ablegen, daß die Wege des Ausfluges und diejenigen der Rückkehr zwei
vollständig selbständige psychologische Akte darstellen und dem Gedächtnisse unabhängig
voneinander eingeprägt werden. In nachstehendem teile ich einige dieser Tatsachen mit.
1. In dem Zimmer Zx (Fig. 40) befindet sich ein Nest Nt gegenüber dem Fenster fn2.
Wenn die gezeichneten Hummeln durch das Fenster fn2 hinausgeflogen sind, schließe
ich dasselbe. Bei ihrer Rückkehr fliegen die Hummeln an das geschlossene Fenster heran
und sodann, nachdem sie mehrmals an dasselbe gestoßen sind, an das benachbarte, offene
Fenster fn^ Nachdem sie in das Zimmer hereingeflogen sind, beginnen sie das Nest zu suchen
und finden dasselbe nach vielen Bemühungen. Nachdem ich das Fenster hierauf geöffnet
hatte, konstatierte ich, wie ich dies auch auf Grund vorhergegangener Beobachtungen er