
ginnt zu wirtschaften, als wäre es bei sich zu Hause. Hieraus ergibt sich' die Vorstellung,
als handele es sich nicht etwa um die Tätigkeit von Insekten, sondern um eine solche von
mit höchstem Verstand begabten Geschöpfen, welche „gleich kleinen Bismarcks und Moltkes
— nachdem sie ihre Stärke weise geprüft und mit derjenigen des Gegners verglichen haben
und zu der Überzeugung gelangt sind, daß ihr Staat demjenigen des Nachbars an Stärke
überlegen ist —— einsehen, daß sie mit Aussicht auf Erfolg den letzteren angreifen, seine
Vorräte annektieren und deren Beschützer töten können“, wie in den anekdotenhaften Erzählungen
zu lesen ist, welche Romanes unter dem Titel „Animal Intelligence“ (siehe die
französische Ausgabe von V a r ig n y „L’évolution mentale chez les animaux, 1884) zusammengestellt
hat.
Eine ganz ähnliche „Erklärung“ finden wir auch in Bezug auf die Bedeutung und
Rolle der „Masse im Ameisenstaate. So schreibt F o re l unter anderem folgendes:1
„D e i Mut einer jeden Ame ise wächst im Verhältnis zu der Anzahl ihrer K a m e r a d e n oder
F r e u n d e und verringert sich ebenso in dem Maße, als sie isoliert ist. Eine-Ameise aus einem individuenreichen
Ameisenn este ist viel k ü h n e r als eine solche, welche in einem an Individuen armen Neste lebt.
Dieselbe Ameisenarbeiterin, welche inmitten ihrer Genossinnen sich nicht davor fürchtet zehn Mal
g e tö te t zu w erd en , erweist s ich , wenn sie allein und 20 Schritte von ihrem Neste entfernt is t, als feige,
vermeidet die geringste Gefahr und wird sich auch vo r einer ihr an Krä ften bedeutend nachstehenden
Ame ise durch Fluch t zu retten suchen.“
Hier begegnen wir sowohl „Kameraden“, als auch „Freunden“, der Bereitwilligkeit zu
sterben und allerhand Ungereimtheiten der anthropomprphistischen Anschauungsweise, welche
nicht nur selbst keine Erklärungen gibt, sondern systematisch alle wissenschaftlichen Erklärungen
unmöglich macht: mit ebensoviel Berechtigung und Grund, wie F o re l behauptet,
den Ameisen wäre der Gedanke an den Tod zugänglich, könnte dieser Autor auch behaupten,
ihnen wären die literarischen Produkte Shakespeares bekannt ! Jedenfalls halte ich
es nicht für notwendig, derartige Betrachtungen überhaupt zu diskutieren. Analogisièrung
der Handlungen einer Ameise mit denjenigen der Menschen kann nun und nimmer eine
Erklärung sein.
Es ist ja nicht schwer nachzuweisen, daß «alle diese Ansichten der Autoren gleich weit
entfernt von der Wahrheit sind. Tatsachen liefern nämlich den Beweis : 1) daß Massenbewegungen
nicht nur bei den sozialen, sondern auch bei so litä ren Insekten beobachtet
werden; 2) daß die Wirkung der Masse auf die Hummeln (und zweifellos auch auf alle
sozialen Insexten) sich durchaus nicht auf Fälle des Angriffs und der Verteidigung beschränkt
und 3) daß diese Bewegungen bei den Hummeln (u. a. sozialen Insekten) keinerlei
Elemente der Geselligkeit aufweisen, während der psychologische und biologische Sinn
der Bewegungen sehr weit von dem entfernt ist, den die Massenhandlungen der menschlichen
und tierischen Gesellschaften aller Stufen enthalten.
Ich beginne mit den M as sen b ewegung en so litä re r T iere. Solche kommen bei
einsam lebenden Bienen (z. B. bei Andrena), wie auch bei vielen anderen zwar einsam
lebenden, aber gelegentlich an irgend einem Orte versammelten Insekten zur Beobachtung,
so zum Beispiel bei einigen Musciden, Östriden u. a. m., die bekanntlich um so zudringlicher
oder, in der Terminologie des Anthropomorphismus, um so „furchtloser“ sind, je
Anm. d. Übe rsetze rs: In freier Wiedergabe nach dem russischen T e x t, wie auch viele der übrigen Zitate.
mehr ihrer sind. Dieselbe Beobachtung machen wir ferner bei Mücken, Schmetterlingen,
Käfern u. s. w., desgleichen bei einsam lebenden Wirbeltieren: Fischen, Vögeln und Säugetieren.
Diese Tatsachen wurden bisher teils wenig berücksichtigt, teils gänzlich ignoriert:
als A lfk en an v. B u ttel-R e ep en über einen Fall massenhaften Angriffs seitens so litä re r
Bienen Mitteilung machte, fiel dieses Ereignis so völlig aus dem Rahmen des über Massenbewegung
der Insekten bekannt gewordenen heraus, daß v. B u ttel-R e ep en sich genötigt
sah, eine ganz besondere Erklärung für die von A lf ken mitgeteilte Tatsache zu geben;
nämlich folgende:
„W ir sehen hier also einen R e flex in die Erscheinung treten, der nur zur Auslösung gelangt, wenn
ganz bestimmte andere Reize mitwirken, und zwar Reize, die nur der Vergesellschaftung entspringen. W ie
diese Coexistenzialfähigkeit sich phylogenetisch entwickelt haben mag, is t schwer auszudenken. Im Wesen
finden wir aber dieselbe Erscheinung bei den höchststehenden Bienen und durch alle Tie re bis zum Menschen
hinauf.1
Die von A lf ken mitgeteilte Beobachtung bestand darin, daß solitäre Bienen der Art
Anthophora parietina F, sich ungehindert auf ihren Nestern fangen ließen; als. aber
der Beobachter es versuchte, dieselben Bienen auf ihrem Wege nach dem Bache, wohin
sie in großen „Mengen“ flogen, mit dem Netz zu fangen, so stürzten sich die Bienen mit
solcher Energie auf ihn, daß er fliehen mußte. — In dieser Beobachtung, welche ohne
irgend eine Schlußfolgerung mitgeteilt wurde, ist jede Einzelheit lehrreich. Der Massenangriff
wurde durch so litä re Insekten ausgeführt; hieraus folgt erstens, daß die Ursachen,
welche die Massenbewegungen der sogenannten sozialen Insekten hervorrufen, durchaus
weder „der freundschaftlichen Gefühle“ der Angreifer, noch der „Liebe ¿um Nächsten
und des Patriotismus“ der Bienen, noch endlich irgend welcher anderen imaginären
und durch nichts bewiesenen, erhabenen Gefühle dieser Insekten zu ihrer Erklärung bedürfen,
sondern d a ß sie auf v ie l a llg em e in e ren , sowohl den „soz ialen “ wie
auch den einsam lebenden T ie r en e igentüm lich en Er sch e in un g en beruhen.
Aus derselben Tatsache geht zweitens hervor, daß die Energie des „Angriffs“ und der „Verteidigung“
eines Individuums in keiner Beziehung steht zu dem auf unbekannte Weise von
dem Individuum zu erfassenden Zugehörigkeitsgefühl zu einer zahlreichen oder nicht zahlreichen
Gesellschaft, sondern vielmehr eine Folge der im gegebenen Momente wirkenden
Faktoren darstellt, nämlich der Anzahl anwesender Individuen und sonstiger Verhältnisse.
Beachtenswert ist auch, daß die Anthophora-Bienen ihren Angriff nicht dort ausgeführt
haben,, wo dies im Sinne menschlicher Logik hätte .geschehen sollen, d. h.
nicht auf den Nestern, sondern gerade da, wo es keinerlei Sinn hatte: bei dem
Zurückfliegen vom Bache zum Nest. Dies geschah offenbar aus dem Grunde, weil diese
Bienen als solitäre Insekten auf ihren Nestern nicht mit .s o lc h e n M it te ln aufeinander
einwirken konnten, wie sie auf gemeinschaftlichen Flügen zur Geltung kommen.
Der Autor erwähnt nichts darüber, wann die Bewegung dieser Bienen energischer vor
sich ging, — -.als. sie sich auf dem Neste hielten oder als sie in Massen zum Bache flogen?
Ziehen wir jedoch in Betracht, daß sie bei den Nestern nicht nur den Beobachter nicht an-
griffen, sondern sogar seiner Tätigkeit keinerlei Widerstand entgegensetzten, so werden wir
wohl kaum einen Fehler begehen, wenn wir behaupten, daß die Aktivität der massenweise
1 Biolog. Zentralblatt 1903, No. 1.