
sozialen Fähigkeiten der Ameisen, und'Bienen diejenigen einiger Säugetiere, welche ihrer Organisation nach
als weit über diesen Insekten stehend betrachtet werden. Angesichts dieses' Umstandes werden wir, ohne
uns über die im Einzelnen mangelnde Übereinstimmung zwischen der zjjkppichen Taxonomie und der
soziologischen Psychologie aufzuhalten, das Vörwärtsschreiten des sozialen Instinktes VeÄJgim, ohne Rücksicht
auf die Ordnung-und Klasse-des genealogischen Stammbauines, auf welchcr deiselbe zl-Tage tritt.
Per Leser entdeckt hier unschwer denlSben Fehler, den auch Espinäs se. begangen
hat, als er auf Tatsachen der genealogischen Klassifikation .stieß, .dijegmit seiner Ansicht;
über die Evolution de,s; „mütterlichen Gefühl# im Widerspruche standen. In beiden Fällen
haben die Autoren ihre Augen vor den überzeugenden Beweisen der Klassifika|ji|hge-.
schlossen, und statt ihre Ansicht, weil ¡sie mit jjäjlen unmöglich in IfereinstimmuHg zu
bringen war, preiszugeben, sind sie ohne Rücksicht . auf die Daten der Klassifikation T -
gar diesen-direkt zuwider an den Aufbau ihrer Hypothesen herangegangen. Hypothesen
über Evolutioij bestimmter Ässheinungen im Tierreiche wurden, unabhängig von der
Evolution der betreffenden Tiere selbst aufgebaut.
Hieraus ergab sich nun, daß ein Fehler\sich auf den ändern häufte*, indem ¡ ¿ 1
Quelle in der Methode liegt, die bei der Lösung der Aufgabe angewendet wird. Die Auffassung,
das Zusammenleben der BiencaOB eine mein- oder weniger hochstehende Form
der Geselligkeit,., stellt unzweifelhaft das Ergebnis einer Analogie zwischen dem Zusammenleben
dieser Insekten und demjenigen des Menschen dar. Hieraus ergibtjjeli denn aui#;-
daß die Bewertung aller,. .Einzelheiten, aus denen dies|| Zusammenleben, .-besteht, eine Bewertung
ad homin em -sein mußte und in der Tat auch eine solche vvar;Mne derartig^
Bewertung besitzt keinen wissenschaftlichen Wert und konnte zu keinen auch nur halbwegs
ernst zu nehmenden Ergebnissen führen.
Was Uiif anbetriffr,. so werden wir an die Lösung dieser Aufgabe auf dem Wege der.
eyolutionistisoben Methode herantreten.2 Unter Benutzung dieser Methode will ich mich*'
bemühen, klarzulegen, was das „Zusammenleben“ der Hummeln (sowie der übrigen sogenannten
J^ozialen“ Insekte%eigentlich vorstellt: ob eine Familie, eine Gesii|chaft, einen.
Staat, wie dies von den Autoren angenommen wird, oder weder das erstere, noch das zweite,
noch aü|j| das dritte,Bondern den Typuslliner biologischen -Organisation, rclie -von der
Familie ebenso;-weit entfernt ist wie' von der Gesellschaft und, wie ich vermute, e in e
be son de re Form der -¡Symbior'se darstellt.
Um diesen meinen Gedanken zu begründen, liegt es mir J||l|l
t) den Zusammenhang der „Gesellschaft“, als einer biologischen Individualität von
besonderem Typus, mit den Individualitäten anderer Kategorien klarzulegen und festzustellen;
*) zu beweisen, daß das Zusammenleben der sogenannten sozialen Insekten mit der
„Gesellschaft“ oder gär mit der Familie in keinem genetischen Zusammenhänge stellt;
3) zu zeigen, daß,-das Zusammenleben der Insekten nicht eine Form des gesellschaftlichen
Lebens;.'sondern eine originelle Xfpnn von Symbiose mit deutlich ausgesprochenen
Zügen eines ihr zu Grunde liegenden Parasitismus darstellt.
’ R i b o t »-B- sich einerseits gezwungen, das mütterliche G e fü h l.b e i den Bienen und Ameisen zu leugnen,
während er gleichzeitig diese Gefühle nicht nur bei den Würmern, sondern selbst hei den Echinodermen n s w zu-
geben muß.
■ W. W a g n e r . Die biologische Methode in der £oa'psycho<ogie. In: T ra v . Soc, Imp. Natur. de St,'Piiersbonrir
T . XXXIII, fase. 2.
K a p i t e l II.
Die psychischen Fähigkeiten der sogenannten sozialen Insekten,
welche den psychischen Fähigkeiten der einzeln lebenden Hymenopteren als
hochentwickelt gegenübergestellt werden,H stehen in Wirklichkeit nicht höher,
ja vielleicht niedriger als diese letzteren.
Wir brauchen natürlich nicht auf alle diese 1 nstinkte einzugehen ; es wird genügen,
die wichtigsten derselben herauszugreifen. Von der Legende über die Fähigkeit der „sozialen“
Insekten „einander zu erkennen“ ist bereits früher die Rede gewesen; ebenso haben wir
bereits von der angeblichen Befähigung derselben zu gegenseitiger, über die Begriffe „ja“
und „nein“ hinausgehender „Verständigung untereinander“ gesprochen. Diese Fähigkeiten
fügen zu dem, was wir bereits bei den einsam lebenden Insekten kennen gelernt haben,
wie wir jetzt wissen, weder qualitativ noch sogar quantitativ etwas Neues hinzu. Wir werden
hier demnach nur über folgende Instinkte sprechen : A) Die Überwinterung; B) die Bauinstinkte;
C) die mit der Erlangung der Nahrung für sich selbst und für die Nachkommenschaft
verbundenen Instinkte und endlich SÉ die Instinkte, welche auf die Verteidigung der
Nachkommenschaft sowie auf die Sicherstellung ihrer Entwicklung gerichtet sind.
A. Das Überwintern der einsam lebenden Hymenopteren.
Vergleichen wir das Überwintern der einsam lebenden Insekten mit demjenigen der
Hummeln, so können wir, ohne auch nur einen Augenblick zu zögern, behaupten, daß die
Instinkte, die diesen Akt begleiten, b e i s ö l i t ä r e n In s e k ten h ö h e r s teh en und
k om p liz ie rte r sind als bei den Hummeln. Wir treffen allerdings hier wie dort zum
Teil die gleichen Maßnahmen an: auch die einsam lebenden Insekten ergreifen Maßregeln
zur Selbstverteidigung während dieser für sie so schweren Lebensperiode, genau wie die
Weibchen der Hummeln, -Hein jedes für eigene Rechnung und Gefahr; allein darüber
hinaus begegnen wir bei ersteren Erscheinungen einer re g e lre ch t o rg an is ie r ten g e meinsamen
Ü be rw interun g, wie sie bei Hummeln nur eine außerordentlich seltene
und ganz zufällige Erscheinung darstellen. Beispiele für das gemeinsame Überwintern einsam
lebender Bienen geben die Arten der Gattungen Xylocopa, Ceratina, ferner Halictus
morio F. u. a. m.
Nun beruht ja die gemeinsame Überwinterung .solitärer Bienen gewiß meist auf Zufall,
indem sie einfach davon abhängt, ob der betreffende Ort für den gegebenen Zweck
passend ist oder nicht. Allein bei Ceratina z. B. höhlen die gemeinsam überwinternden
Männchen und Weib.chen nach G irau d 1 gemeinschaftlich einen Ort für die Überwinterung
in Zweigen von Rubus aus. Eine noch größeres Interesse bietende Erscheinung der Geselligkeit
zum Zwecke der Überwinterung beobachten wir bei Halictus morio. V e rh o e ff2
1 G i r a u d . Mémoires su r les insectes, qui habitent les tiges sèches d e la Ronce. i 866n
* V e r h o e f f . Zur Lebensgeschichte d e r Gattung H a l i c t u s , insbesondere einer Übergangsform zu sozialen
Bienen. Zool. Anz. 1897.