
eine ganz spezielle und sehr entfernt liegende Reihe biologischer Organisationen überzuführen,
die in keinerlei Beziehung zü der Reihe der „Gesèlligkeit“ steht, — sind wir
nunmehr in den Stand gesetzt, den Entwicklungsgang der wahren Geselligkeit im Tierreiche
festzüstellen. Das Hindernis, das bisher einer solchen Darlegung im Wege stand, nämlich
das Zusammenleben der sogenannten sozialen Insekten, das die Autoren schließlich zü
der Schlußfolgerung geführt hat, die Entwicklung des Gesellschaftswesens der Tiere falle
weder mit der Entwicklung ihrer Psychik, noch mit der Evolution überhaupt zusammen,
da ja die Bienen hierin riOch über den höchststehenden Säugetieren ständen[K3 ist jetzt
beseitigt.
In Nachstehendem teile ich meine Gedanken darüber mit, wie die Geselligkeit im
Tierreiche sich als durchaus selbständige biologische Organisation, mit separatem Ursprunges
und eigenem Evolutionsgange, entwickelt'hat.
Den Ausgangspunkt für die b io lo g is ch en O rg an isa tion en die ser R e ihe erblicke
ich in den sogenannten „ z u f ä l l ig e n A n sam m lu n g e n o d e r Z u sam m en -
S c h a ru n g e n “ von Tieren einer Species.
Diese Ansammlungen werden’ durch folgende Merkmale charakterisiert :
1) durch das Fehlen eines deutlich ausgesprochenen Zweckes, einer Koexistenz, und
von Massenbewegungen ;
2) durch die unbegrenzte, durch keinerlei Faktoren bestimmte Zahl der Glieder
3) durch die äußerst schwache Einwirkung der Menge auf das Individuum und der
Individuen aufeinander.
Für gewöhnlich vermutet man, daß der einzige Gründ für jene ungeheuren Ansammlungen,
welche wir bei vielen Vertretern der p e la g is ch en F aun a, wie z.B. bei den Medusen,
Acalephen ÇPelagia noctiluca), Çtenophoren, Cópepoden, Pteropoden und anderen Tieren beobachten,
in der T em p eratü r e ine r bestimmten Meeréss-chicht zu suchen sei, welche
für alle Individuen der Ansammlung gleich günstig erscheint. Mit anderen Worten, man nimmt
an, daß die Ursache für die Entstehung der Ansammlungen nicht in den Individuen, welche
die Ansammlung ausmachen, sondern außerhalb derselben, in der für die Individuen am
meisten zuträglichen Temperatur des umgebenden Mediums liegt. Ebenfalls in äußeren
Faktoren ist nach der Ansicht der Autoren der Grund für die Ortsveränderung einer
solchen zufälligen Ansammlung zu suchen: diese Translokationen werden auf die Strömungen
im Wasser zurückgeführt. Außerdem soll der Zusammenhang zwischen den Bestandteilen
der Ansammlung, die durch kein inneres Band aneinander geknüpft sind, sofort gelöst
werden, sobald jene äußeren Ursachen zu bestehen auf hören, durch deren Anwesenheit die
Existenz der Ansammlung selbst • hervorgerufen wurde.
Was mich betrifft, so bin ich anderer Ansicht über dièse Erscheinungen. Ich vermute,,
daß diese ihrer Organisation nach elementaren, ihrer Zahl und ihrer Zusammen:
Setzung nach unbeständigen und ihrem Charakter nach unbestimmten Ansammlungen eben
den Ausgangspunkt für alle übrigen Typen des. geselligen Lebens*- t-L bis zu den höchsten
einschließlich ;— ausmachen. Ich will vor' allem bemerken, daß die Auffassung von dem
unbedingten Fehlen innerer Anregungen bei der Bildung der erwähnten Ansammlungen,
nicht von allen Autoren geteilt wird. So spricht sich Wundt1 bezüglich solcher Ansammlungen
von Tieren dahin aus, daß man bereits auf den niedrigsten Stufen des tierischen
Lebens beobachten kann, wie die Tiere die Gesellschaft von Ihresgleichen aufsuchen. So
sammeln sich viele Mollusken, Insekten und Fische zu Zeiten in großen Mengen an. In
solchen Fällen ist ein gemeinsame^ auf die Art der Tiere, bezügliches Band vorhanden. Es
ist offenbar, fährt der genannte Autor fort, daß der Ursprung einer solchen sozialen Regung
in dem G efüh l e ine r wenn auch ganz primitiven Zune igun g zu suchen ist, welche die
Tiere ein und derselben Art einander nähert, und welche durch bestimmte Eindrücke der
Sinnesorgane (des GeruchSr oder Gesichtssinnes) bedingt wird.
Diese Auffassung läßt sich, meiner Ansicht nach, viel besser mit den Tatsachen in
Übereinstimmung bringen, als jene, nach welcher für die Begründung solcher Ansammlungen
nichts anderes als die Einwirkung äußerer Ursachen herangezogen werden kann. In der Tat
müssen diese äußeren Ursachen für pelagische Formen, welche irgend eine Bucht von
2Qtt- 22 qkm Oberfläche bewohnen, identisch erseheinen und doch werden sich nicht alle,
sondern nur gewisse Arten von Tieren zu Tausenden von Individuen versammeln, und es
versammeln sich nur die zu ein und derselben Art gehörenden Tiere.
Ich habe mich dahin ausgesprochen, daß der Gedanke von Wundt eher mit den
Tatsachen übereinstimmt, allein vollständig stimmt er, meiner Ansicht nach, doch nicht mit
ihnen überein. Ich weigere mich auf das entschiedenste, in den inneren Ursachen, welche
die Ansammlungen hervorrufen, „ein auch noch so primitives Gefühl der gegenseitigen Zuneigung
bei den die Ansammlung konstituierenden Individuen“ anzuerkennen.
Das „Gefühl der Zuneigung“ ist zu kompliziert für Infusorien und Coelenteraten, und
man wird daher auf diesen Entwicklungsstufen des Tierreiches von einem derartigen Gefühle
mit demselben Rechte sprechen können, wie z. B. von einem Bewußtsein der Blätter
auf den Bäumen, welche so zweckmäßig auf dem Zweige verteilt sind, daß das Gewächs
gerade bei einer solchen Anordnung, wie sie vorhanden ist, in die Möglichkeit versetzt
wird, die Strahlen der Sonne mit größtmöglichster Bequemlichkeit und Vorteil auszunützen.2
Immerhin wird wohl kaum ein Zweifel darüber bestehen können, daß die Ursachen
derAnsammlungen nicht ausschließlich auf Faktoren der Umgebung zurückzuführen sind.
Der Trieb, welcher die Individuen einer Art zu Ihresgleichen drängt, beruht auf anderen,
inneren Anregungen. Welcher Art diese letzteren sind, ist schwer zu bestimmen. Zieht man
in Betracht, auf welch einfacher Stufe der Organisation einige solche Ansammlungen bildende
Tiere sich befinden, so kann man vermuten, daß die Anregung in jener kosmischen
Grundlage, zu suchen ist, welche einfach als die Tatsache eines Dranges des „Gleichartigen
zum Gleichartigen“ bezeichnet werden kann.
Auf die zufälligen Ansammlungen folgen als zweite Etappe der Evolution:
Die z e itw e ilig e n und b e s tän d ig en A g g r e g a t io n e n .8
Ich habe hier vor allem eine Bemerkung vorauszuschicken: indem ich diesen Typus
aufstelle und in mehr oder weniger bestimmter Weise von dem vorhergehenden unter-
’ Sj*he W u n d t, Vorlesungen über die Menschen- und Tierseele.
* Siehe W. W a g n e r . D i e P s y c h o l o g i e d e r T i e r e . Kap. IV . (Russ.)
* Ich habe nicht die Absicht, alle verschiedenen Arten und Formen von Aggregationen anzuführen, indem es deren
zu viele sind und ihre Aufzählung nicht notwendig e rscheint; ich will hier nur einige wenige Beispiele besprechen, welche
zur Illustration meines Gedankenganges dienen sollen.
Zoologlea. Heft 46. bS|