
In Lehrbüchern wird bei Aufzählung der wichtigsten Merkmale von Säugetieren dieser Eigenschaft
in der Regel kaum Erwähnung getan.
Die Trennung der Wurzeln muß aber als ein gewaltiger Fortschritt b etrachtet werden gegenüber
den Reptilien, deren Backzähne nur mit einer einfachen Wurzel befestigt waren. Es ist wichtig, die
Bedeutung dieses Unterschiedes zu verstehen.
Kegelförmige, spitze Zähne, die nur als Fangzähne zu dienen haben, sind vorzüglich befestigt,
wenn sie mit einer einfachen, kegelförmigen Wurzel etwa ebenso tief in den Kieferknochen eingelassen
sind, als die H öhe ihrer freien Krone beträgt (Fig. 15 C). Beim F esthalten eines kräftigen Beutetieres
Fig. 15. A Akrodonter Zahn. B Protothekodonter Zahn. C Thekodonter
Zahn mit zwei Wurzeln.
Zahn mit einfacher Wu D Thekodonter
ist es ihre Aufgabe, einem Druck zu widerstehen, der ihre Krone von der Seite trifft. Obwohl die
Wurzel mit dem Knochen nicht fest verkittet ist, kann sie bei solchem seitlichen Druck in ihrer engen
Alveole nicht aüsweichen, und der Zahn kann, so lang er nicht entzwei bricht, nicht aus seiner Lage
gebracht werden.
Es ist klar, daß eine solche Befestigungsweise mittelst einer langen Wurzel (thekodont) viel
zuverlässiger ist, als es die ursprünglichere Art der Befestigung der Zähne innerhalb der Tetrapoda
war, bei der die Basis der Krone mit ihrer unteren oder seitlichen Fläche auf der Oberfläche des
Knochens festgewachsen oder festgekittet ist (akrodont, Fig. 15 A, oder pleurodont), selbst wenn der
Sockel der Krone dabei in einer Grube eingesenkt ist (protothekodont, Fig. 15 B). Unter allen Umständen
wird die Krone bei starkem seitlichem Druck sich leichter an einer Nahtstelle vom Knochen
lösen als von ihrer Wurzel abbrechen.
Bei einer ganzen Anzahl von Reptiliengruppen, die besonders kräftige, nur in einer Reihe auf
die Kieferränder beschränkte Fangzähne trugen, stellte sich seit der Trias die neue thekodonte
Befestigungsart ein, die mehr Sicherheit bot gegen ein Losbrechen. Der zu einer langen Wurzel
umgebildete Sockel des Zahnes senkte sich in eine tiefe Grube (Alveole) des Kieferknochens ein. In
dieser Alveole war die Wurzel nicht mehr starr m it dem umgebenden Knochen verwachsen, sondern
stand nur durch Weichteüe mit ihm in sicherer, aber etwas elastischer Verbindung. Der tief in den
Knochen eingelassene Zahn war nun zweifellos besser befestigt als der oberflächlich aufgekittete.
Die ältere akrodonte (pleurodonte und protothekodonte) Bezahnung findet sich noch bei allen Amphibien,
ferner bei fast allen paläozoischen Reptilien und denen, die eine Gaumenbezahnung besitzen,
nämlich bei den meisten Theromorpha, bei allen Rhynchocephala und Lepidosauria. Die neuere
thekodonte Bezahnung findet sich dagegen bei allen Archosauriern (Crocodilia, Pseudosuchia, Dino-
sauria, Pterosauria, Aves), ferner bei den Sauropterygia und Ichthyopterygia, sowie unter den
Theromorphen besonders bei den Cynodonta, unter denen die Vorfahren der Säugetiere vermutet
werden. Bei allen thekodonten Reptilien besitzt aber jeder der Zähne nur eine einfache Wurzel.
Nun mußte aber vielfach das Bedürfnis auftreten, die gefangene Beute mit den Zähnen nicht
nur festzuhalten, sondern auch k räftig zu quetschen, zunächst wohl nur zu dem Zweck, das zappelnde
Opfer durch die dadurch veranlaßten Verletzungen zu lähmen, dann aber auch um größere Bissen
schluckgerecht zu machen; sie wurden dabei durch wiederholtes Beißen in eine zum Verschlucken
geeignete Form gebracht, wobei auch Schalen, Knochen usw. zerbrochen werden konnten. Ein Teil
der Zähne wird zu diesem Zweck gerne stumpfer und niedriger.
Diese Tätigkeit geht schon bei Reptilien unmerklich in richtiges Kauen über, wobei ursprünglich
die Zähne längere Zeit wie Hämmer oder wie Backen eines Nußknackers auf die zwischen ihnen
hin und her geschobenen Bissen wirken. Die Zähne erhalten dabei entweder eine verbreiterte flache
Krone, die sie zum Zerquetschen eignet (für Schalentiere, Fig. 9, S. 14), oder sie werden mehrspitzig wie
kurzzackige Gabeln und sind besser zum Zerreißen der tierischen Gewebe geeignet (für Insekten).
Der Druck, der bei solcher Kautätigkeit auf die Zähne geübt wird, wirkt senkrecht von oben auf die
Zahnkrone.
• Die Ausbildung solcher Kauzähne läß t sich unter rezenten wie fossilen Reptilien sowohl bei akro-
donter wie thekodonter Bezahnung beobachten. Doch sind weder bei den einen wie bei den anderen
sehr erhebliche Fortschritte in der Kautätigkeit gemacht worden. Bei den akrodonten Können
’!§t der Grund vielleicht der, daß andauerndes Hämmern die aufgekitteten Zähne leicht lockert. Die
Befestigung akrodonter Zähne ist weder für Fangzähne noch für Kauzähne größeren Ansprüchen
gewachsen.
Bei thekodonten Kauzahnen liegt der Grund des mangelnden Erfolges aber auf der Hand.
Bö* -vorzüglich sich eine einfache, lange konische Wurzel für Fangzähne bewährt, bei denen die Zahnkrone
nur einem von der Seite wirkenden Druck standzuhalten hat, sfr große Mängel zeigt diese
Befestigung, wenn ein hämmernder Druck längere Zeit senkrecht Von oben auf die Kaufläche fällt.
Die .mfacha Wurzel muß dabei wie ein Keil wirken, der durch Hammerschläge in seine Unterlage
eingetrieben wird.
Bei den pflanzenfressenden Dinosauriern aus der Kreide wurde diesem Ubelstand bekanntlich
in der Weise auszuweichen gesucht, daß erstens die Ebene der Kaufläche mehr parallel zur Längsachse
der Zähne gestellt ist, so daß der beim Aneinanderreiben der Kauflächen auf sie geübte Druok fast
senkrecht auf die Längsachse der einwurzeligen Zähne wirkt. Zweitens wurden die einzelnen Zähne
immer kleiner, aber immer zahlreicher und büdeten miteinander eine innig zusammenhängende Masse,
so daß der auf die gemeinsame Kaufläche ausgeübte Druck sich stark verteilte. Bei Trachdon
mirabilis setzeD nach Cope im ganzen 2072 kleine Zähne die 4 für | i e Größe des*. Tieres ziemlich
bescheidenen Kauflächen zusammen.
Aus der Schwierigkeit, bewurzelte Zähne zum kräftigen und ausgiebigen Kauen zu benutzen,
gab es aber einen viel günstigeren Ausweg, den in der Tat zu allerletzt auch die Dinosaurier in der
oberen Kreide noch fanden. Bei den Ceratopsidäe nämlich trennte sich die Wurzel der Kauzahne
in zwei Schenkel aber der Triumph dieses Gedankens sollte ihnen nicht lange mehr zu gut kommen.
Dinosaurier überlebten das Ende der Kreidezeit n ic h t; Ein Kauzahn mit zwei getrennten Wurzeln
: -|Fig. 15 D) wirkt bei seiner Betätigung nicht mehr wie ein Keil, der den Knochen zu sprengen droht,
oder wie ein Nagel, dessen Spitze sich dabei immer weiter einbohrt. Seine Krone sitzt auf der Knochen