
Wie wir bei den verschiedensten Gruppen der fleischfressenden Carnivora immer wieder das
Bestreben antreffen, mit mehr oder weniger großem Erfolg sich der Pflanzenkost zuzuwenden, so
finden wir dasselbe B estreben auch schon bei den tierfressenden Reptilien der verschiedensten Gruppen.
Es sind eine Anzahl Arten von Eidechsen der alten wie der neuen Welt bekannt, die mehr oder
weniger ausschließlich Vegetarier geworden sind (üromastix, Tiliqua, Iguana usw.). Am weitesten
haben es in dieser Beziehung mesozoische Dinosaurier gebracht, unter denen besonders die das
Land oder Süßwasser bewohnenden Praedentata ganz ausgesprochene Pflanzenfresser waren. Die
meisten pflanzenfressenden Reptilien benutzen die Zähne nur zum Anschneiden von saftigen Blättern
oder Früchten; aber bei einigen der fortgeschrittensten Dinosaurier bildete sich durch Abnutzung
der Zahnspitzen sogar eine richtige Kaufläche aus.
Bei allen diesen Änderungen in der Nahrungsaufnahme entfernen sich aber die Zähne der
Reptilien nie weit von der ursprünglichen Form einfacher Fangzähne. Sie behalten stets einen
einfachen Sockel oder einfache Wurzel, und nur die Krone wird bald stumpf abgerundet, bald mehr
oder weniger komprimiert, öfter mit gekerbten Kanten oder mit Nebenspitzen versehen.
So läß t sich feststellen, daß unter den Reptilien, und zwar ganz besonders bei den landbewohnenden,
zahlreiche Versuche unternommen worden sind zu dem Zweck, die altererbte Art der Nahrungsaufnahme
abzuändern, um unter gleichzeitiger Abänderung des Gebisses neue Nahrungsquellen
ausnutzen zu können, die die umgebende Natur in reicher Auswahl bot. Meist waren die F o rtschritte
in diesen Richtungen nur sehr unbedeutend, und in den wenigen Fällen, in denen unter
beträchtlicher Umbildung des Gebisses größere Fortschritte erzielt worden waren, wie bei den
pflanzenfressenden Dinosauriern, war die Lebenskraft dieser Formen bald erloschen, und sie verschwanden
aus der Erdgeschichte. Nur die ziemlich häufig unternommenen Versuche, unter völliger
Aufgabe der Bezahnung neue Lebensmöglichkeiten zu erschließen, führten bei den Sauropsiden
in zwei Fällen zu einem außerordentlichen und dauernden Erfolg. Schildkröten und vor allem Vögel,
Fig: 9. Dracaena guyanensis (Lacertilia), Brasilien. Gebiß des Oberkiefers und Unterkiefers von der Kaufläche.
Fig. 10. Bauria cyanops (Cynodonta), Trias, Kapland. Fig. 11. Cynognaihus craleronolus (Cynodonta), Trias, Kapland.
die beide an sta tt der Zähne einen Hornschnabel annahmen, gehören noch hente zu den lebenskräftigsten
Gruppen unter den Wirbeltieren. Andere ähnliche Versuche, z. B. bei den Pterosauxiern,
endeten nach kurzem anfänglichem Erfolg mit dem raschen Erlöschen der ganzen Gruppe.
Interessant ist es nun, daß gerade in jener formenreichen Ordnung -Win Reptilien, aus der
aller Wahrscheinlichkeit nach die Säugetiere-entsprungen sind, unter den Theromorphen, auffallend
viele Versuche festgestefit sind, die Eorm des Gebisses zu än d em .|^ !;itre te n bereits im ältesten Perm
unter ihnen Formen auf, die nach Abel Insektenfresser waren (Biadectes), und in der Trias finden
sich Formen, die durch ihre langen Eckzähne an moderne Carnivora erinnern (Bauria, Fig. 10);
einige zeigen mehrspitzige Backzähne (GynognaAus, Fig. 11), andere stumpfe K auzähne (Biademodcm),
die denen der schneckenfressenden Braca&na (Fig. 9) sehr ähneln, wieder andere sind zahnlos wie
die Schildkröten. Wie bei den übrigen Reptilien entfernte sich aber die große Mehrzahl auch der
Theromorphen nicht oder fast nicht von dem reinen Fangzahngebiß, und auch sie kamen niemals
über einwurzelige Zähne hinaus. Als im Ju ra die ersten unzweifelhaften Säugetiere mit getrennten
Zahnwurzeln auftraten, war die ganze Ordnung der Theromorpha längst erloschen.
II. Teil. E n t s te h u n g der S ä u g e tie r e und Vö g e l.
4. Die Kauzähne der ältesten Säugetiere.
Während bei allen Amphibien und mit wenigen Ausnahmen auch bei den Reptilien übereinstimmend
ein Gebiß vorhanden ist, welches nur aus einfachen Fangzähnen besteht und vor dem
Verschlucken keine die Verdauung erleichternde Bearbeitung der Beute zuläßt, findet sich schon
bei den ältesten Säugetieren, die wir kennen, in allen Fällen ein Gebiß mit ganz anderen und viel
komplizierter gebauten Backzähnen, die auch auf eine ganz andere Behandlung der Nahrung
schließen lassen.
Die ältesten Reste, die wir mit-Sicherheit auf Säugetiere beziehen können, stimmen aus dem
Ju ra von England und Nordamerika. Um ihre Kenntnis haben sich besonders Owen, Marsh,
Goodrieh und Osbom sehr verdient gemacht. Ihre systematische Stellung ist zweifelhaft, da bisher
nur Kiefer mit Zähnen (nur sehr wenige Oberkiefer) gefunden wurden. Die meisten waren unzweifelhaft
rein tierfressende Formen, einige wenige mit völlig verschiedenem Gebiß (Multituberculata)
waren Omnivoren oder Pflanzenfresser. Phylogenetische Beziehungen zwischen beiden waren bisher
nioht mit Sicherheit nachzuweisen.
' Uns interessieren hier zunächst n ur die Tierfresser, durohgehends^|hr kleine Formen, höchstens
von Rattengröße, da nur sie als Vorfahren der späteren Säugetiere in Betracht kommen können.
Das auffallendste Merkmal, welches sie aufweisen, in dem sie auch alle- übereinstimmen,
besteht darin, daß jeder ihrer Backzähne (mit wenigen Ausnahmen) mehrere (2—3) lange; getrennte
Wurzeln besitzt (Fig. 14). Ferner sind deren Kronen mit mehreren (3- 1) scharfen Spitzen und Zacken
versehen, die aber an den vorderen Backzähnen (den gern sekodont ausgebildeten Prämolaren)
nur angedeutet sind. Die Vorderzähne bleiben einfache Fangzähne.
Bei einer Gruppe, den Triconodonta (Phasoolotheriwm, Fig. 13, S. 16), waren obere wie
untere Backzähne sämtlich länger als breit, mit je zwei Wurzeln hintereinander, und ihre Spitzen
lagen alle ungefähr in einer Längsreihe. So erinnern sie, abgesehen vbn ihrer geringen Größe, an