
Die Ergebnisse der Untersuchungen K l a t t s haben ja deutlich gezeigt, daß hier eine Vielheit
der Wechselbeziehungen anzunehmen ist, die wir noch keineswegs durchschauen
können.
B o u l e n g e r (1917) hat westlichen Wanderungen der Urodelen eine besondere Bedeutung
beigemessen. In Übereinstimmung mit N o b l e habe ich darauf hingewiesen, daß solche
Wanderungen nicht angenommen werden müssen, sondern daß eine ehemals weite Verbreitung
wahrscheinlich ist. Gewiß ist es richtig, daß eine Ausbreitung der Urodelen nicht
ausgeschlossen werden kann, aber ich halte dafür die Bezeichnung Wanderung nicht recht
Abb. 36. Geographische Verbreitung verwandter Schwanzlurchgruppen.
| Proteus — Necturus O Fossile Tylototritonen
Euproctus — Pachytriton ® Hydromantes — (Ensatina?)
Cryptobranchus • Fossile Cryptobranchier
Pleurodeles!§§i Tylototriton — Salamandrina ^ Fossile Proteiden.
für angebracht. Die Ausbreitung der Schwanzlurche muß weniger als eine Wanderung,
sondern vielmehr als ein langsames Vordringen aufgefaßt werden, welches bedeutend langsamer
als die ausgesprochenen Wanderungen vieler Säuger und Vögel vor sich geht und in
bedeutend höherem Maße von erdnahen Faktoren beeinflußt wird. Daher ist auch die eingehende
Kenntnis der genauen Verbreitungsgebiete der Urodelen fü r viele allgemeinere
Fragen von Interesse.
Ich habe hervorgehoben, daß sich meist gerade die südlichen Vertreter der angeführten
Gruppen weitgehender differenziert haben werden, und die übereinstimmenden Ergebnisse
an verschiedenen Arten verleihen dieser Ansicht eine gewisse Sicherheit. Es ist ja
meist fü r die südlichen Formen der Amphibien eine bedeutendere Größe als bei den nördlichen
Vertretern auffallend, eine Tatsache, die gerade im Gegensatz zu der Bergmannschen
Regel der Säuger steht. E g g e r t (1927) hat für die Erdkröte auf ähnliche Erscheinungen
aufmerksam gemacht. Es ist wohl die günstigere Ernährung, der kürzere Winter usw.,
was diese Entwicklung bedingte. Daß gerade durch die verschiedene Ernährung auch die
Körperform der Trituri stark beeinflußt werden kann, wurde nachgewiesen (K l a t t 1926,
1927; K R O H N 1930; Ü E R R E 1932).
Zum Abschlüsse möchte ich noch auf eine Tatsache hinweisen, die mir Beachtung zu
verdienen scheint. Ich konnte zeigen, daß Zusammenhänge zwischen der asiatischen und der
westnordamerikanischen Schwanzlurchfauna nicht nachgewiesen werden können. Aber wir
finden heute in Asien Megalobatrachus, fossil ist diese A rt aus dem Tertiär Europas und
Nordamerikas, und weiter eine verwandte Form, Cryptobranchus, in Nordamerika bekannt.
Necturus maculosus, aus dem Südwesten Nordamerikas, besitzt eine Form, die wohl zu
seiner nächsten Verwandtschaft gehört, in den Höhlengewässern Krains. Fossile Formen
dieses Artenkreises finden wir in Mitteleuropa. Auch die Verbreitung der Arten der Sala-
mandriden zeigt ähnliche Verhältnisse. Besonders erstaunlich ist die Verbreitung der Gattung
Hydromantes, die ich oben dargelegt habe. Alle diese Befunde zeigen mit Sicherheit,
daß ehemals eine Verbindung zwischen Europa und Amerika bestand. N o b l e mißt Landbrücken
im Norden eine große Bedeutung bei. Ich habe auf die Schwierigkeiten, die sich
aus einer Vorstellung ausgesprochener Wanderungen ergeben, hingewiesen. Ein Blick auf
die Karte (Abb. 36) zeigt, daß die Verbreitungsgebiete der verwandten Gruppen ziemlich
auf gleicher Höhe in Eurasien und Amerika liegen, und dies gibt einer anderen Möglichkeit
viel Wahrscheinlichkeit: der Wegnerschen Kontinentalverschiebungstheorie. Ich stimme
zwar durchaus mit v. U b i s c h (1928) überein, daß tiergeographische Befunde allein dieser
Theorie keine Sicherheit zu verleihen vermögen, denn ihre Grundprobleme muß die Geologie
und die Geophysik lösen. Aber ich bin auch weiter gleich diesem Forscher der Ansicht,
daß auch die Zoologie die Tatsachen Zusammentragen soll, die für dieses große Gedankengebäude
sprechen.