
Was ich damit sagen möchte, wird noch besser klar, wenn man das Wort „Jäger“ heranzieht:
Jäger ist jemand, der jagt; es ist aber auch jemand, der das Amt eines Jägers ausübt
und eine Jagduniform trägt, auch wenn er vielleicht niemals auf eigentliche Jagd ausgeht.
Mit dem Begriff eines Jägers verbinden wir außerdem bestimmte äußere Körpermerkmale
und innere Eigenschaften. Aber „Jäg er“ ist endlich ein N ame geworden, so daß Jäg e rwäsche
keineswegs das Unterzeug von Leuten ist, die auf Jagd gehen. Es ist also gut, doppelsinnige
Worte, die sowohl eine Tätigkeit wie eine Kaste oder einen Stand und außerdem
noch irgendwelche physiologische oder psychische Eigenschaften bezeichnen, nicht nur für
das eine oder andere zu verwenden, sondern scharf zu trennen, wie es im allgemeinen ja auch
die Sprache tut, indem sie beispielsweise, trotz desselben Wortstammes, zwischen Kavalier
und Kavallerist unterscheidet.
So habe ich denn bei den statistischen Feststellungen über Polymorphismus und Arbeitsteilung
versucht, die Bezeichnungen so zu wählen, daß im ersten Fall nur das Mo rp h o l
ogi s che , im zweiten nur die T ä t i g k e i t hervortritt; und zwar die a u g e n b l i c k l i c h e
Tätigkeit. Denn daß ein Wechsel stattfinden kann, zeigte ja bereits E i d m a n n , der die kleinen
Innendienst-Tiere bei stärkerem Angriff auf den Staat zu verteidigenden Außentieren werden
sah. Es ist also außerdem auch noch der p s y c h i s c h e Z u s t a n d zu berücksichtigen,
wie eben Erregung bei Angriff, und e n tw i c k l u n g s g e s c h i c h t l i c h e oder p h y s i o l
o g i s c h e Momente, wie Alter oder auch Fütterungszustand. —
Bei Einteilung nach der Ge s t a l t wurde in erster Linie die Gr ö ß e berücksichtigt
und unterschieden zwischen Großtieren (= Riesen oder Giganten), Mitteltieren Übergangsform)
und Kleintieren (= Zwergen). Wie hier die Abgrenzung geführt werden mußte,
ergab sich erst später durch Kenntnis der Entstehungsweise. Es war fernerhin möglich,
diese 3 Größengruppen weiter zu trennen in große, mittlere und kleine Giganten, große,
mittlere und kleine Übergangsformen sowie große, mittlere und kleine Zwerge. Dem Al t e r
nach ergaben sich ebenfalls 3 Gruppen: junge, helle Tiere, und alte dunkle, und dazwischen
Mittelalte mit Zwischenfärbung. Als physische Merkmale wurde außerdem manchmal der
Fütterungszustand in Betracht gezogen, und als psychische Unterschiede der Grad der E rregung.
Die Tiere, welche ohne besonderen Anlaß, insbesondere ohne Alarm von Nestgenossen
bei der V erteidigung oder beim E rkunden betroffen wurden, erhielten die Bezeichnung
Erst-Verteidiger und Erst-Erkunder; erstere entsprachen den von E i d m a n n „Soldaten“
genannten Exemplaren. Weiterhin wurden noch mehrere Male Unterschiede gemacht
zwischen Tieren, die v o r Eingriffen ins Nest, und denen, welche n a c h beginnender Ausgrabung
gesammelt wurden; denn die Arbeiten, welche zum Freilegen eines größeren Nestes
notwendig sind und meist Stunden, oft auch Tage oder auch Wochen dauern können, verändern
naturgemäß die natürliche Beschäftigung der Nestgenossen. Auf eine Trennung in
Schneider und Schlepper verzichtete ich, da fast immer, wie schon R e h feststellte, die
Schneider auch das Geschnittene abschleppen; geschieht es nicht, so ist es wohl meist
ein Zufall.
Zu den bisher beschriebenen Tätigkeiten des Außendienstes kommen noch die im
Inneren des Nestes, unter denen E i d m a n n Bauarbeiter, Pfleger und Gärtner unterschied.
Da diese letzten Kategorien aber niemals ungestört gesammelt werden können, weil ja doch
vorher das Nest zum Teil zerstört worden ist, entschloß ich mich, meist nur den O r t anzugeben,
an dem die Tiere gefangen wurden; d. h. in Pilzgärten oder außerhalb derselben
bei der Brut, bei geflügelten Geschlechtstieren u. a. m.
Neben den echten Außen- und Innendienst-Tieren, die ich nach Möglichkeit bei allen
näher analysierten Nestern in gleicher Weise zu erlangen suchte, blieben immer noch einige,
deren Zuordnung zu der einen oder anderen Gruppe zweifelhaft blieb: Es sind dies z. B. die
Austräger, welche nicht brauchbare Teile der eingeschleppten Pflanzenteile wieder hinausbefördern;
Tiere, welche gelegentlich aber auch wieder selbst einzuschleppen beginnen;
weiterhin Leerläufer, die wirklich ohne Last, auch nicht die schon erwähnten Flüssigkeitstropfen
im Kropf, nach Hause eilen, sowie in besonderen Fällen noch einige andere Gruppen.
Nach diesen unumgänglichen Vorbemerkungen können die Tabellen selbst sprechen,
die zunächst nur die Ergebnisse der Freiversuche umfassen, und zwar auf der einen Seite
möglichst viel Insassen e in e s Nestes, und auf der anderen bestimmte Arbeitsgruppen von
möglichst v i e l e n Nestern.
Von A tta sexdens konnte kein Nest ausgegraben werden. Zum Vergleich lassen sich
aber die Zahlen verwerten, die E i d m a n n angibt: 121 Außendienst-Tiere maßen 8,5—15 mm;
(81 „Soldaten“ = Erst-Verteidiger = 12—15 mm; 30 Schlepper und Schneider = 8,5 bis
14 mm); 204 Innendienst-Tiere 4,5—9 mm (99 Gräber 4,5—9 mm und 95 Pfleger und Gärtner
3—9 mm). Die 180 Verteidiger (3j#n9 mm) sind hier nicht zu verwenden, da sie erst auf
Störung und Alarm herauskamen, also nicht die gewöhnliche Arbeit verrichteten. Die mir
zur Verfügung stehenden Atta sexdens sind aus Tabelle 6 ersichtlich. Die Tiere von Sao
Paulo, die ich Herrn Diplomlandwirt K i e n t z e l verdanke, sind allem Anschein nach alle
ausgesucht g r o ß e Tiere; vermutlich Erst-Verteidiger und Schlepper; das von mir selbst
gesammelte M aterial sind Schlepper und Schneider sowie Erkunder, die alle im Durchschnitt
kleiner sind als die von E i d m a n n . Worauf dies beruht, ist jetzt nicht mehr festzustellen;
als ich damals sammelte, hatte ich entweder zu wenig Zeit oder die Methode noch nicht genügend
ausgearbeitet.
Bei A tta vollenweideri (polita) konnte ich über 500 Tiere ein und desselben Nestes
messen, und zwar von allen Arbeitsgruppen. Aus der Tab. 7 geht hervor, daß im Außendienst
neben größten Exemplaren auch kleine bis zu 3,5 mm auftreten und im Innendienst
auch verhältnismäßig große bis zu 10,5 mm gefunden werden. Insgesamt ist jedoch nicht zu
verkennen, daß im Außendienst die großen überwiegen, insbesondere bei den Erstverteidigern,
und im Innendienst die kleinen, besonders in den Pilzgärten.
Die Lage des Nestes von A tta vollenweideri ist in Abb. 8 rechts oben ersichtlich; es
dehnte sich indessen noch weit mehr aus, wie weiter abseits liegende Löcher ergaben. Dieses
Nest wurde bereits nach den Methoden untersucht, die ich nachher immer wieder anwandte:
Ich beobachtete stets erst einige Zeit das Nest ganz ungestört und fing zu verschiedenen
Zeiten Schlepper und Schneider weg. Ebenso wurden nach Möglichkeit „Erste
Erkunder“ zu fangen versucht; d. h. Tiere, die an einem neu entstandenen Loch erstmalig
die Umgebung erforschten. Meist gelang es auch, Bauarbeiter zu beobachten und dort Tiere
wegzufangen sowie Leerläufer und Austräger zu erbeuten. Die „Ersten Verteidiger“ erhielt
ich auf ähnliche Weise, wie es E i d m a n n beschreibt, d. h. durch leichte Reizung des Nestes
an einem Eingangsloch. E rst wenn alle diese Gruppen nach Möglichkeit gesammelt waren,
wurde das Nest aufgegraben, um dann auch die Ameisen in den Pilzgärten und bei der
Brut zu erhalten.
Das Ergebnis dieser Sammelmethode ist aus Tab. 7 und Kurve 2 ersichtlich; es handelt
sich aber wie bei E i d m a n n mehr um ein Zufallsergebnis. Denn es war hier wie auch in
ein igen anderen Fällen nicht möglich, alle Bedingungen, die man selbst stellt, zu erfüllen: