
Mot to: Je stärker der Reiz der Naturwunder
auf mich wirkt, um so weniger bin ich
geneigt, sie durch phantastische Träumereien
zu verfälschen. Forel.
A. Einleitung.
Im Jah re 1863 hat B ates die Frage aufgeworfen, was wohl die so oft beschriebenen
südamerikanischen Blattschneider-Ameisen mit den Pflanzen-Teilen bezwecken, die sie in
ungeheueren Massen ins Nest tragen; und B e lt beantwortete 1874 diese Frage mit einer
Vermutung: E r meinte, die Ameisen verwendeten die Blätter als Dünger für einen Pilz, von
dem sie sich nährten. Diese Vermutung wurde von Mö l l e r 1892 bestätigt; er lieferte den
eindeutigen Beweis, daß wirklich Pilze in jedem Nest der Schlepp-Ameisen zu finden sind,
Pilze, die sich durch die Behandlung der Ameisen so veränderten, daß ihre umgewandelten
Mycelien den Tieren als Nahrung dienen.
Inzwischen sind etwa 45 Jah re vergangen, und in dieser Zeit ist das Ergebnis von
Mö l l e r in Südamerika derartig Gemeingut geworden, daß man dort oft meint, j e d e
Ameise züchte Pilze. Nach Vorträgen, die ich 1937 und 1938 in Argentinien hielt, mußte
ich in den Diskussionen ebenso wie in Gesprächen immer wieder ausdrücklich bestätigen,
daß es auch Ameisen gibt, die niemals Pilzgärten anlegen, und daß nur eine bestimmte südamerikanische
Gruppe, die A11 i n e n, diese Eigentümlichkeit besitzen.
Daß die Meinung, alle Ameisen seien Blattschneider und Pilzzüchter, wenigstens in
Argentinien so weit verbreitet ist, liegt in verschiedenen Ursachen begründet. Die Attinen
sind dort die Ameisen, welche am stärksten hervor treten; d ie Ameisen schlechthin, denen
man auf Schritt und T ritt begegnet, und die man ihres Schadens wegen haßt und fürchtet.
Und wegen des Schadens wiederum mit allen Mitteln bekämpft. Aber nur wenn die Pilzgärten
vernichtet worden sind, h a t eine Bekämpfung Erfolg; und so versprechen auch alle
Mittel gegen die Ameisen in erster Linie Vernichtung der Pilze. In vielen Apotheken und
Drogerien sind deshalb auch schematische Darstellungen angebracht, wie die Bekämpfungsmittel,
allgemein „Formicida“ genannt, wirken, und immer spielen dabei die Pilze die
Hauptrolle. Stets wird hierbei die Plan- oder Zweckmäßigkeit der Pilzzucht sehr stark
hervorgehoben, und dies kann nicht überraschen; denn im allgemeinen sieht man ja in
einer solchen Planmäßigkeit, welche die „klugen“ und „schlauen“ Ameisen immer wieder
anwenden, den Hauptreiz des Ameisenstaates. Daß einer solchen Meinung die Pilzzueht
ebenso entgegenkommt wie das Halten von „Haustieren“ in Gestalt von Blatt- und Wurzel-
läusen oder die Samen-Verwertung der Körner-Sammler, liegt auf der Hand, und die Zerstörung
eines solchen „Märchens“ ist eine zwar dankenswerte, aber auch undankbare Aufgabe.
Lassen sich doch oft auch Gebildete von gern Geglaubtem nur ungern abbringen.
Wie bei der Haustierhaltung und bei der Samenverwertung wird es auch hier oft nötig
sein, allzu märchenhafte Anschauungen über die Ameisen auf das richtige Maß zurückzuführen.
Daß trotzdem noch des Wunderbaren genug bleibt, ja sogar einige bisher unbekannte
Besonderheiten hinzukommen, welche allein den A ttinen das Leben m it ihren Pilzgärten
möglich machen, sei hier schon erwähnt.