
auszustrecken noch Nahrung aufzunehmen vermag1] steht durch den Funiculus mit dem Ei
und dem braunen Körper in Verbindung. Indem sich nun der zwischen dem Ei und dem jungen
Polypid eingeschaltete Theil des Funiculus verkürzt, kommt das Ei in unmittelbare Berührung mit
dem Polypid und gelangt nach einiger Zeit, auf einem Wege, den Joliet nicht feststellen konnte,
in dessen Ten takelsch eide. Hier fin d e t die Embryonalentwickelung statt. Die Tentakelscheide
dehnt sich dabei, um dem stark wachsenden Embryo Raum zu schaffen, immer mehr aus,
und in demselben Maasse atrophirte die Anlage des Darms. S ch lie s slich g e la n g t der Embryo
durch die Polypidmündung ins Freie.
Es ist klar, dass hier gerade in den Dingen, in denen bei Alcyonidium eine beträchtliche
Abweichung von Plumatella zu constatiren war, eine viel grössere Ähnlichkeit mit letzterer Form
besteht. Wie bei Plumatella hat das als Oöcium dienende Polypid zu Gunsten dieser
F u nction jeder anderen en tsa g t, und wenn es auch einen höheren Grad morphologischer Ausbildung
erreicht, so bleibt diese doch in physiologischer Hinsicht ohne Bedeutung. Auch durch die
Einzahl der im Oöcium sich entwickelnden Embryonen ist Übereinstimmung mit den Phylac-
tolämen geschaffen worden.
Dagegen sind auf der anderen Seite Differenzen vorhanden, welche bei Alcyonidium fortfielen.
So ist namentlich zu beachten, dass bei Valkeria die Eier am Funiculus des Primärpolvpides
entstehen, während es bei Plumatella viel näher liegt, das Ovarium auf den Funiculus des Oöciums
zurückzuführen.
Eine Abstammung der Plumatellen von Valkeria würde also nur unter der Voraussetzung
anzunehmen sein, dass bei Plumatella das ganze Primärindividuum von Valkeria, Cystid und Polypid,
unterdrückt wurde und dass lediglich das Ovarium übrig blieb. Da jedoch diese Voraussetzung sehr
gezwungen erscheint, so glaube ich, dass die eigenartige Entwickelung des Oöciums bei Valkeria nur
als A n a lo g ie mit Plumatella zu deuten ist, aber keinen verwandtschaftlichen Zusammenhang zu
begründen vermag. Eher wäre ein solcher zwischen Plumatella und Alcyonidium denkbar. —
Neuerdings hat Harmer (’96, S. 113 f.) auf die Ähnlichkeit des von ihm bei Lichenopora
beschriebenen „Embryophor“ mit dem Oöcium von Plumatella aufmerksam gemacht. Eine Verwandtschaft
der Form und Function liegt allerdings vor, aber die E n ts teh u n g beider Gebilde scheint
eine ganz verschiedene zu sein.
Der Embryo.
VI. (S. 36) Uber (las Verhalten des Kerns bei Aufnahme von Nährsubstanz
vergleiche Korschelt, ’89, S. 8—25 u. S. 114. Korschelt beobachtete bei den Eiröhren von Dytiscus,
dass von dem Nährfach aus Köfnchenmassen in das Ei eindrangen und sich in unmittelbarer Nähe
des Keimbläschens anhäuften. An der Seite desselben, wo die Anhäufung stattfand, war die Membran
aufgelöst und das Keimbläs’chen schickte pseudopodienartige Fortsätze in die Körnchenmasse hinein.
Korschelt (S. 13) kann „die Anziehungskraft, welche der Kern auf die Körnchen ausübt, sowie seine
auffallenden Gestaltveränderungen nur damit erklären, dass er entweder direct an der Assimilation
betheiligt ist oder doch einen entschiedenen Einfluss auf die entsprechende Thätigkeit der Zelle ausübt.“
Ebenso beobachtete Knappe (’86, S. 518 ff.) bei den Eiern des Bidder’schen Organes von
Bufo die Aufnahme chromatischer, im Plasma gelegener Kugeln durch den Kern, der seine soharfe
Begrenzung einseitig verlor und mittels beweglicher Ausläufer die Kugeln umfloss.
VII. (S. 35 39) Die Bildu ng eines Mittel S tü ck e s, welche auf einer unvollkommenen
Trennung der Furchungszellen beruht, findet sich nach Wilson (’83, S. 738 ff.) auch bei Renilla.
Die Furchung verläuft dort bis zum 16-zelligen Stadium nur äusserlich, alle Zellen stehen in
unmittelbarem Zusammenhang mit einander („a polyplast or syncytium“). Alsdann trennen sie sich
allmählich, so jedoch, dass die mittlere, ihnen allen gemeinsame Plasmamasse in der Furcbungshöhle
zurückbleibt, wo sie zuletzt resorbirt wird. Das Entoderm bildet sich durch Délamination.
Auch bei Clavularia crassa findet nach Kowalewsky und Marion (’83, S. 13 f.) die Durchfurchung
erst etwa auf dem 16-zelligen Stadium statt.
VIII. In Bezug auf die Gastrulation der Phylactolämen sind theoretisch drei verschiedene
Ansichten möglich.
1. Das L eibeshöh lenepith el is t das morphologische Entoderm, seine Bildung die
eigentliche Gastrulation desThieres. Daraus folgt, dass das Entoderm einen durchgreifenden Fu nctionswechsel
erfahren hat: Aus dem ursprünglichen Darmblatt ist im Lauf der Entwickelung das motorisch-
germinative Blatt, das physiologische Mesoderm geworden.
2. Die ursprüngliche Gastrulation is t unterdrückt worden, das Leibeshöhlenepithel
entspricht dem morphologischen Mesoderm.
3. Die ursprüngliche Gastrulation b e steht in der Darmbildung der Primär-
polypide und äussert sich erst, nachdem das Mesoderm in Form des Leibeshöhlenepithels zu Tage
getreten ist.
Von diesen Ansichten hat die erste die zahli'eichsten Anhänger, wenn man ausser den Vertretern
der Leuckart-Nitsche’sehen Theorie alle diejenigen dazu rechnet, welche wie Reinhard ( 80,
S. 89), Kafka (’87, S. 47), Korotneff (’89) und Jullien (’90) das Leibeshöhlenepithel schlechthin als
Entoderm, oder wie Joliet (’85) als Ento-Mesoderm bezeichnen; doch ist sicher nur für den kleineren
Theil der genannten Autoren der Ausdruck „Entoderm“ mehr als ein blosser Name gewesen. Die
zweite Ansicht wird durch Barrois (’86, S. 65—73), Davenport (’91, S. 8 8 -9 7 ) und Prouho (’92,
S. 634—641) vertreten. Im Sinne der dritten hat Metschnikoflf (’71) sich geäussert*), auch ist sie
von mir (’90, S. 122, Anm. u. S. 132, Anm. 2) als Hypothese erwogen worden.
Dieser dritten Auffassung steht die vergleichende Embryologie im Wege. Wenn wir nämlich
den Fall, dass die Phylactolämenlarve nur ein Hauptpolypid besitzt, als typisch ansehen, so behauptet
diese Auffassung eine vollständige Homologie zwischen dem Darm oder vielmehr dem Magen des
Primärpolypides der Phylactolämen und dem primären Entoderm der Gymnolämen. Eine solche
Homologie lässt sich aber schwer aufrecht erhalten, 1) weil die primäre Gastrulation der Gymnolämen
auf einem sehr frühen Stadium erfolgt, jedenfalls vor der Mesodermbildung, 2) weil sie sich in
wesentlich anderer Weise vollzieht, indem bei den Gymnolämen nur der Magenabschnitt aus dem
inneren Gastrulablatte hervorgeht, bei den Phylactolämen dagegen Enddarm und Magen gleichzeitig
mittels derselben Einstülpung gebildet werden, 3) weil die primäre Darmanlage bei sämtlichen
Gymnolämen der Rückbildung unterworfen ist, und 4) weil eine nahezu vollständige Übereinstimmung
zwischen der Bildung des Hauptpolypides der Phylactolämen und der des ersten d e fin itiv en
Polypides der Gymnolämen besteht.
Weit schwieriger und, wie mir scheint, unmöglich ist es, zwischen den beiden anderen
Ansichten auf Grund der Vergleichung zu entscheiden.
*) M. stellt den Darm der Primärpolypide der Phylactolämenlarve dem Darm der Cyphonautes zur Seite.