
A lim an (’56, S. 32) lässt den Hoden aus runden Zellen zusammengesetzt sein, deren jede
mit einer Anzahl von Zellen zweiter Ordnung [Kernen] gefüllt ist. In den Zellen zweiter Ordnung
und zwar aus dem Kern derselben [Kernkörperchen] entstehen die Samenfäden, welche durch Platzen
der sie umgebenden Zellwände frei werden.
R e in h a r d (’82, S. 86 f.; ’85) bestätigt das Yerhandensein von vielkernigen Samenmutterzellen,
die in einkernige Tochterzellen zerfallen. Aus diesen entwickeln sich die Spermatozoen, die
aus einem vorn zugespitzten Kopfe, einem langen Halstheil und einem 3 1/* mal längeren Schwänze
bestehen. Der Schwanz bildet sich grösstentheils aus dem Plasma der Zelle, der Axenfaden des
Schwanzes und der Hals wahrscheinlich aus dem Kern, der Kopf aus dem Kernkörperchen. Die Membran
der Zelle scheint erhalten zu bleiben und den Kopf und Hals des Samenfadens zu überziehen,
indem sie sich ihnen dicht anschmiegt.
Die ausführlichste Darstellung der Samenentwickelung rührt v o n K o r o tn e f f (’ß7) her. Die
embryonalen, dem Funiculus lose angehefteten Zellen repräsentiren die Spermatogonien, welche sich
einzeln vom Funiculus loslösen und durch Kernvermehrung in Spermatocysten vei’wandeln. Die Kerne
dieser Spermatocysten rücken allmählich an die Peripherie und treten hier, von etwas Plasma umgeben,
knospenförmig hervor, entweder einzeln, oder zu mehreren in einer Knospe. Im ersten Falle haben
wir die Knospen als Spermatiden, im letzten als Spermatocysten zweiter Ordnung zu betrachten,
welche erst durch einen abermaligen Knospungsprocess die Spermatiden liefern. In jedem Falle bleibt
im Centrum der Spermatocyste eine hyaline Restmasse von der Spermatozoenbildung ausgeschlossen,
welche allein in den einkernigen Knospen oder Spermatiden vor sich geht. In diesen schlägt sich
auf dem Kern ein Quantum verdichteten Plasmas nieder, welches wie ein Napf die eine Kernhälfte
umgiebt und mit den sonst als sNebenkern“ beschriebenen Körpern identificirt wird. Dieser Nebenkern
wandelt sich im weiteren Verlauf in den Hals des Spermatozoons um, liefert aber auch den Axenfaden
des Schwanzes. An der dem Nebenkern gegenüberliegenden Seite des Kerns bildet sich ebenfalls
eine halbkugelige Membranverdickung, aber von innen her und vielleicht aus der Substanz des Nucleolüs,
der sich vorübergehend an diese Stelle der Kernwand begeben hatte, seitdem aber wieder nach der
Mitte gerückt ist. Vermöge einer immer stärkeren Zusammenziehung des Kerns entsteht schliesslich
der Spermatozoenkopf, vornehmlich aus jener inneren Membranverdickung, die zu einer Düte umgestaltet
wird und in deren Höhlung auch der Nucleolus seinen Platz findet.
I c h s e lb s t habe in meinen „Untersuchungen“ (’90, S. 115 f.), ohne die Befunde von Reinhard
und Korotneff zu kennen, einige Angaben über die Spermatozoenbildung bei Cristatella gemacht.
In einer Mutterzelle (Sperinatoblast) wird nach voraufgegangenem Zerfall des Kerns eine Anzahl von
Tochterkemen gebildet, die an der Peripherie das Plasma knospenförmig hervorwölben. Jede dieser
einkernigen Knospen repräsentirt ein Spermatozoon. Der Schwanz entsteht aus dem Protoplasma.
Der centrale Theil der Mutterzelle bleibt nach dem Abschwärmen der Spermatozoen als Restkörper
zurück.
K r a e p e lin , der schon in einer vorläufigen Mittheilung (’86, S. 134) die Entwickelung des
Spermakopfes aus dem Kern einer membranlosen Spermatide behauptet hatte, gab 1892 (S. 7 ff.
und Erklärung zu Taf. I) eine genauere Darstellung seiner Befunde. Er bezeichnet die Hodenzellen
durchweg als Spermatiden, es giebt also weder Spermatogonien noch Spermatocysten. Eine rapide
Vermehrung dieser Zellen durch Theilung führt zur Bildung der „reifen“ Spermatiden, d. h. derjenigen
Zellen, aus denen je ein Spermatozoon hervorgeht. Aus einer den Kern umgebenden calotten-
förmigen Ansammlung von wolkigem Protoplasma entsteht die Wandschicht des Spermatozoenhalses,
während der Axenfaden des Halses und des Schwanzes wahrscheinlich durch das aus dem Kern ausgeschossene
chromatische Fadenknäuel gebildet wird. Aus dem Rest des Kernes entsteht, ähnlich
wie es Korotneff beschreibt, der Kopf des Spermatozoons. Die äussere Schicht des Schwanzes ist
plasmatischer Abkunft. Zuletzt zieht sich der vordere Theil des Samenkörpers aus der ihn umhüllenden
Spermatide heraus; die zurückbleibenden Plasmamassen ballen sich zu Kugeln zusammen,
welche am Funiculus haften und den sogenannten Restkörper darstellen. —
Halten wir diese verschiedenen Anschauungen gegen einander, so ergiebt sich vor Allem ein
Gegensatz zwischen Kraepelin und seinen sämtlichen Vorgängern. Während die letzteren aus jeder
Ursamenzelle durch Zerklüftung des primären Kernes mit einem Mal eine grosse Anzahl von Tochterzellen
entstehen lassen, welche ihrerseits erst die Spermatozoen liefern, leugnet Kraepelin ein derartiges
Verhältnis. Nach ihm liefert, die Ursamenzelle durch einfache, oft wiederholte Zweitheilung
schliesslich die Samenzellen selbst, eine andere Vermehrungsart existirt nicht. Ich will gleich hervorheben,
dass ich diese Ansicht im Gegensatz zu der, die ich selbst früher vertreten habe, bestätigen
muss.
E ig e n e B e fu n d e . Meine Untersuchungen sind am lebenden Gewebe und an Schnittpräparaten
angestellt worden. Zur Conservirung wurde auch hier Sublimat verwandt. Die Schnitte waren
theils in toto mit Karmin gefärbt worden, theils wurden sie nachträglich mit der von Auerbach
(’91, S. 715 f.) angegebenen Mischung von Methylgrün und Säurefuchsin behandelt.*) Dieses Gemisch
ermöglicht eine sichere Unterscheidung zwischen der Chromosomensubstanz des Kerns und dem
Plasma, sofern beide in ihrer Reinheit sich darstellen, wie es bei den Spermatiden der Fall ist. Die
Chromosomensubstanz färbt sich blau, das Plasma je nach seiner Dichtigkeit in verschiedenen
Nuancen roth. **)
Man kann bei der Samenbildung deutlich drei Hauptphasen unterscheiden, die nach der
üblichen Terminologie als das Spermatogonien-, Spermatocyten- und Spermatidenstadium zu bezeichnen
wären.
Die S p e rm a t o g o n ie n oder Ursamenzellen sind, wie schon erwähnt, anfangs von rundlicher
Form (Fig. 1) und durchaus ähnlich den embryonalen Zellen der jungen Knospen. Je mehr sie sich
aber am Funiculus häufen, desto mehr verändert sich in Folge des Raummangels ihre Form. Die
Zellen werden dann keulenförmig (Fig. 2), wobei sie mit dem grössten Theil ihrer Peripherie nur lose
aneinander gefügt sind, da. nur das obere Ende, der Griff der Keule, den Zusammenhang mit dem
Funiculus vermittelt.
Charakteristisch für alle diese Zellen ist der scharf umschriebene, grosse, kugelige Kern, dessen
Durchmesser etwa von 0,0045 bis 0,0053 mm schwankt, und das ebenfalls grosse, ungefähr in der
3—4 Theile Methylgrün und 1 Theil Säurefuchsin in •wässeriger Lösung, darauf Auswaschen der Präparate
in absolutem Alkohol; das Mengenverhältnis der beiden Bestandtheile der Mischung beruht auf mündlicher Angabe des
Herrn Prof. Auerbach.
**) So wenigstens glaube ich die Wirkungsweise des Farbstoffes, den ich auch bei geschlechtsreifen Individuen
von Hydra und dem Polychäten Ophryotrocha versucht h a b e , deuten zu müssen. Wenn die Bestandtheile des
Eikerns eine vorwiegend rothe Färbung annehmen, so sehe ich den Grund dafür nicht mit Auerbach in einer specifischen
Verschiedenheit männlicher und weiblicher Kernsubstanz, sondern in der Anwesenheit von plasmatischen Nährstoffen,
welche das Blau der Chromosomen verdecken. Übrigens tr itt auch bei gewissen Schleimsecreten, wie sie z. B. im
Integument von Ophryotrocha Vorkommen (in den dort befindlichen Blasenzellen, vgl. Braem, ’93», S. 189 u. Fig. 2 u. 4),
reine Blaufärbung ein.