
Embryonalcystid in einem Querschnitt des Stockes wiedergegeben, wenige Minuten nach vollzogener
Anheftung. Die Figur zeigt, dass der Flimmermantel mitsamt den Cilien in die Leibeshöhle verlegt
ist, wodurch allein schon das eben erwähnte Raisonnement Kraepelin’s hinfällig wird. Nun folgt
eine immer stärkere Zusammenziehung und ein rascher Zerfall des Mantels, der zuletzt spurlos
verschwindet und in der Leibeshöhle ohne Zweifel .auf ähnliche Weise verdaut wird, wie wir es früher
(S. 62 f.) von den Polypiden des alten Stockes behauptet haben. Die Kolonie wird also bei ihrer
Niederlassung zugleich mit einem beträchtlichen Quantum von Nährmaterial versehen und dadurch
für einige Zeit gegen äusseren Mangel gesichert. In einem grossen, dauernd gelüfteten Aquarium
das aber so gut wie gar keine Nahrung bot, habe ich die Kolonien fast acht Tage hindurch am
Leben erhalten. Während dieser Zeit hoben sich die Primärindividuen deutlicher von einander ab,
indem sich ihre Cystide verlängerten (vgl. Taf. VIII, Fig. 151 : 152); dagegen habe ich nie einen
Fortgang der Knospung constatiren können.
Taf. VIII, Fig. 148 stellt das Embryonalcystid ungefähr eine Stunde nach der Verwandlung
dar. Gegenüber der vorerwähnten Figur fällt es auf, dass sich der Kreis der Duplicaturbänder (Db)
mehr zusammengezogen hat, das ganze Gebilde demzufolge weniger breit, aber höher geworden ist.
Es bildet jetzt einen kurzen, oben geschlossenen Cylinder, innerhalb dessen die Duplicatur mit den
noch deutlich sichtbaren Duplicaturmuskeln (Dm) als ein kleinerer, an beiden Seiten offener Cylinder
steil emporragt. Nur ein von den Ectodermzellen ec abgeschiedenes Chitinhäutchen (c) lagert sich
vor die untere Öffnung des Cylinders, dessen Höhlung von der inneren Wand (i W) der larvalen
Duplicatur begrenzt wird. Diese Wand bildet ein enges, mit Längsfalten versehenes Rohr, durch das
bei der Verwandlung die Polypocystide hervortraten. Das Rohr — man bemerkt darin einige von ihrer
Basis getrennte Längsfalten — führt oben in einen schmalen, becherförmig gekrümmten Hohlraum,
der von dem ectodermalen Flimmerepithel des Primärcystides bekleidet wird. Die Cilien sind
grösstentheils noch gut zu erkennen, aber die Zellen zeigen bereits die deutlichen Spuren der Entartung.
Sie sind vielfach geschrumpft und in ihrem Verbände gelockert, was namentlich an dem ehemals
unteren Pole (u F) des Flimmermantels und an der äusseren Wand der Duplicatur ins Auge fällt.
In Folge dieser Entartung gerathen die Zellen mehr und mehr durcheinander, und schon am
ersten Tage nach der Befestigung lässt sich der becherförmige Hohlraum kaum noch nachweisen.
Am zweiten Tage zeigt ein Medianschnitt des Stockes den Larvenmantel in Form von
Fig. 149, die in demselben Maasstab entworfen ist wie Fig. 148. Kern und Plasma der Zellen sind
geschrumpft, Zellgrenzen fast nirgends erkennbar; das Ganze ist zu einer Masse verschmolzen, in der
nur mit Mühe die wesentlichen Theile des Larvenmantels zu sondern sind. Das mesodermale Blatt
(M) hat noch am wenigsten gelitten, viel stärker das Ectoderm. Bei Ec sieht man die Region des
Flimmerepithels, welches zuvor (Fig. 148) den. becherförmigen Hohlraum umschloss und die Hauptmasse
des Embryonalcystids bildete. Bei D liegt das innere Blatt der Duplicatur, die Region der
Duplicaturmuskeln. Die Duplicaturbänder sind bei Db erkennbar und noch weiter nach innen verlegt
als in Fig. 148. Unterhalb derselben beginnt der bleibende Theil der Leibeswand, die eigentliche
Kolonialwand, und hier rücken die Ectodermzellen (ec) demnächst bis zum völligen Verschluss der
unteren Öffnung zusammen. An dieser Stelle erfolgt alsdann eine Verwachsung der gleichnamigen
Gewebe und damit eine Abschnürung des Larvenmantels, der also bis .zu den Duplicaturbändern,
diese e in s ch lie ss lic h , der R ü ck b ild u n g anh eim fä llt.
In Fig. 150 ist die letzte Phase des Abschnürungsprocesses dargestellt. Die untere Öffnung
ist verschwunden und die Leibeswand bildet ein zusammenhängendes Ganzes. Der Rest des Embryonalcystids
bleibt an irgend einer Stelle der Leibeshöhle liegen, wo man ihn bis zu seiner völligen Auflösung
nachweisen kann (Fig. 147, 152, EC).
Wann diese erfolgt, lässt sich nicht 'genau ängeben. Bei den im Aquarium gehaltenen
Thieren war sie am fünften Tage nach der Festsetzung noch nirgends vollendet. Selbst bei einer im
Freien gefundenen repens-Kolönie von 7,6 mm Länge, bei der die Tochterindividuen B ausgewachsen,
die Enkelpolypide C ausstreckbar waren — der Stock ist abgebildet in den „Untersuchungen“,
Taf. I, Fig. 7, Stück 3 —, war der Restkörper noch vorhanden. In anderen Fällen konnte ich ihn
schon bei jüngeren Exemplaren nicht mehr entdecken.
Die w e ite r e E ntwickelun g des jungen Stockes vollzieht sich bekanntlich im Wege der
K n o sp u n g , unter gesetzmässiger Folge der Neubildungen. Dabei entstehen zunächst jene Wachsthumsformen,
welche seit Van Beneden (’48, S. 19) unter dem Artnamen Flabeilum zusammengefasst
wurden, bis Jullien (’85, S. 28) sie als die geschlechtlich erzeugten Nachkommen von Plumatella
fungosa erkannte. Ich habe eine Anzahl davon in meinen „Untersuchungen8 (’90, Taf. I, Fig. 4—6 ;
Taf. H, Fig. 16—19) dargestellt, und man wird sich dort leicht im Speciellen über die Art der
Verzweigung unterrichten können. Später kommt immer mehr der fungoide Typus zum Ausdruck.
Jede Knospe, d. h. jedes neue Polypocystid, geht aus dem Material, einer älteren Knospe
hervor, und sämtliche Knospen führen in letzter Instanz auf jene beiden Primärknospen zurück, deren
Anlage schon während des Embryonallebens erfolgt war. Nur ein Theil des Materials einer jeden
Knospe erzeugt also das an Ort und Stelle entstehende Individuum, ein anderer Theil dagegen bewahrt
seine embryonale Natur und liefert nach und nach neue Knospen, die sich immer wieder nach
Art der früheren fortbilden. So erschöpft sich allmählich die Productionskraft des Stockes, die
Spannkraft der Zellen erlischt, indem sie in thätigen Organen, in Lebensarbeit sich Bahn bricht.
Mag auch der Stock meistens durch ungünstige äussere Verhältnisse oder den Parasitismus der
Embryonen (vgl. S. 62) seinen Tod finden: selbst wo solche Einflüsse nicht in Betracht kommen, wird
er schliesslich zu Grunde gehen, weil er die Grenze seiner Entwickelungsfähigkeit erreicht hat.
An und für sich wird das Erreichen dieser Grenze noch nicht den Tod, sondern nur den
Stillstand der Lebensthätigkeit bedeuten, hervorgerufen durch eine tiefe Ermüdung der arbeitenden
Zellen. Ein solcher Stillstand wird aber nothwendig den Tod aller deijenigen Theile nach
sich ziehen, deren Leben auf der Arbeit des Ganzen beruhte. Indessen giebt es gewisse Knospen,
welche schon früh ihre Beziehung zum Ganzen gelöst haben. Sie waren von vorn herein, durch ihre
Entstehung am Funiculus, von der Aussenwelt abgeschnitten und dadurch gehindert, ihre Entwickelung
im Stocke selbst zu vollenden, wo sie von einem bestimmten Stadium an unter dem Schutz einer
derben Chitinliülle im Zustande völliger Ruhe verharren. Diese Dauerknospen oder S t a to b la s t e n
gehören alsdann nur räumlich dem Stocke an, im Übrigen verhalten sie sich wie Fremdkörper.
Ausgeschlossen von der Lebensgemeinschaft des Stockes haben sie auch an dem Tode desselben keinen
Theil. Sie werden davon vielmehr nur insofern berührt, als sie nach dem Zerfall der Kolonialwand
ins offene Wasser gelangen, wo ihnen die Möglichkeit zu weiterer Entwickelung geboten ist. Nach
Beendigung der Ruheperiode, die bald längere, bald kürzere Zeit, meistens den Winter durch währt,
erwachen die Zellen aus ihrem Schlaf und nehmen bei genügender Temperatur von neuem ihre
Thätigkeit auf. Aus der verkapselten Knospe entsteht ein Polypocystid, welches die Schalen sprengt