
Verwandlung der Larve in die festsitzende Kolonie. Sie wird alsdann nach hinten zuriickgeschlagen
und mitsamt dem ganzen cilientragenden Mantel in das Innere des vorderen, cilienlosen Abschnittes
verlegt, welcher frei zu Tage tritt und für sich allein die künftige Kolonie darstellt.
Ausser den Fasern der Tunica sind noch die Duplicaturbänder (Fig. 141 u. 42, Db) zu
nennen, welche die Falte in ihrer Lage erhalten, und die freien Duplicaturmuskeln (Fig. 141 u. 42,
Dm), welche den Abstand der beiden Wände der Falte reguliren. Sie entsprechen völlig den gleichnamigen
Gebilden, die wir in der Duplicatur der einzelnen Individuen des Stockes vorfinden.
Überhaupt ist d ie Duplicatur der Larve ein Seitenstück zu der Duplicatur der Polypocystide.
Beide sind Organe von wesentlich gleichem Bau, dazu bestimmt, gewisse retractile Theile, freilich
solche von sehr verschiedenem Werthe, gegen äussere Einflüsse zu söhützen. Wie das in dem Cystid
verborgene Polypid mittels der Duplicatur von der Aussenwelt abgeschnitten werden kann, so auch
der von der Larvenhaut umschlossene junge Stock. Ja die Larvenhaut selbst, d. h. der flimmernde
Theil der Leibeswand nebst der ganzen Duplicatur, verhält sich zum Stocke wie ein Oystid zum
Polypid, daher wir sie auch gelegentlich als Embryonalcystid bezeichnen werden. Natürlich ist die
Entwickelung ganz verschieden, und ausserdem giebt es Unterschiede, die durch die Lebensweise
bedingt sind: Die Oberfläche der frei beweglichen Larve ist mit einem loco motorischen Wimperkleide
versehen, während die definitiven Cystide, welche der Locomotion entbehren, nur eine schützende
Chitinschicht absondern.
Bei der larvalen Duplicatur ist die äussere, um vieles stärkere Wand vollständig bewimpert,
die innere Wand ist cilienlos. Es wird als ein wichtiges Motiv für die Bildung der Duplicatur zu
betrachten sein, dass mittels derselben der Flimmermantel den vorderen, unbewimperten Abschnitt
des Embryo umgreift, und dass- erst auf diese Weise eine allseitige Bewimperung hergestellt wird.
Erwägt man, in welchem Grade bei festsitzenden Thieren die Erhaltung der Art von der Wahl dos
Aufenthaltsortes abhängt, und wie sehr eine geeignete Wahl durch die Schwimmfähigkeit der Larve
bedingt ist, so wird man in der Vervollständigung des Flimmermantels die vornehmste Aufgabe der
Duplicatur erkennen müssen.
In nothwendigem Zusammenhang mit der Entwickelung der Duplicatur steht die Auflösung
der P la c en ta , ein Vorgang, der in Fig. 141 bereits vollendet ist. Die ersten Spuren davon sind schon
im Stadium Fig. 139 bemerkbar, wo die obersten Zellen rechter Hand, mit breitem Grunde an dem
Oöc ium haftend, sich aus dem tiefer gelegenen Gewebe gleichsam herausziehen. Viel deutlicher sieht
man den Trennüngsprocess in Fig. 140, namentlich auf der linken Seite. Hier wird es klar, dass
die Placenta vollständig abgeworfen wird, dass also nicht etwa bloss eine Loslösung vom Oöcium
stattfindet. Reste der abgeworfenen Zellen lassen sich noch auf späteren Stadien an der Innenseite
des Oöciums nachweisen, nach und nach jedoch schwinden sie gänzlich. Dass sie, wie Korotneff (’87a)
annimmt, für die Ernährung des Embryo von besonderer Bedeutung wären, glaube ich nicht; die
Placenta hat ihre Aufgabe, dem Embryo eine bestimmte Lage innerhalb des Oöciums zu sichern, erfüllt
und wird nun, da sie die weitere Entwickelung zu hemmen droht, beseitigt. In welcher Weise
ihr Fortbestand die Ausbildung der Duplicatur hindern würde, lehrt ein Blick auf Fig. 140.
Das an Stelle der Placenta auftretende junge Gewebe geht ohne Zweifel aus Zellen hervor,
welch e ursprünglich zwischen den die Anheftung vermittelnden Zellen gelegen waren, aber erst beim
Verfall der letzteren zu regerer Thätigkeit gelangen.
Im Stadium der Fig. 141, d. h. nach Vollendung der Duplicatur, stellt sich der Embryo
bereits unter der Form der Larve dar. Neue Organe werden nicht mehr gebildet, die weitere Entwickelung
beruht auf dem Wachsthum der einzelnen Theile und auf der Ausgestaltung der Polypide,
bei gleichzeitigem Fortgang der Knospung. Das Wachsthum währt noch geraume Zeit und führt zu
einer bedeutenden Grössenzunahme des Embryo, wie die Vergleichung von Fig. 141 und 142 erkennen
lässt. Immerhin ist auch in Fig. 142 das Wachsthum nicht abgeschlossen, wenigstens nicht für die
Mehrzahl der Fälle. In Fig. 142 hat der Embryo eine Länge von 0,88, eine Breite von 0,55 mm,
während die entsprechenden Dimensionen der frei schwimmenden Larve im Mittel 1,2 und 0,6 mm
betragen. Die Variabilität ist jedoch in dieser Beziehung eine so grosse, dass die kleinsten Larven
sogar noch etwas hinter dem Stadium der Fig. 142 zurückstehen, ohne dass ihre Entwickelungsfähigkeit
dadurch beeinträchtigt wäre. Ich werde diese Verhältnisse im 15. Kapitel genauer darlegen, wo
auch noch andere Anomalien in der Bildung der Larven zu erörtern sein werden. Im Allgemeinen
kann man sagen, dass der Geburtsact, mit dem das Embryonalleben zum Abschluss gelangt, ungefähr
um die Zeit erfolgt, wo die Polypide zu selbständiger Nahrungsaufnahme fähig geworden sind.
14. Die Geburt des Embryo.
Das Ausschwärmen der Larven findet, wie schon früher (S. 3) erwähnt wurde, im Juni
und Juli statt, ohne sich streng auf diese Monate zu beschränken. Seinen Höhepunkt dürfte es ungefähr
um die Zeit der längsten Tage erreichen. Merkwürdigerweise erfolgt es fast ausschliesslich
des N a c h ts . Gleich nach Sonnenuntergang brechen die Larven in Menge h ervor, und des Morgens
zählt die Nachkommenschaft einer grösseren Kolonie nach mehreren Hunderten. Am Tage herrscht
Ruhe, erst gegen Abend beginnen wieder vereinzelte Larven den mütterlichen Stock zu verlassen.
Obwohl ich den Vorgang selbst nicht genau beobachten konnte, so glaube ich doch mit Bestimm
theit, dass der Embryo durch e in e an der Mündung des Oöciums entstehende Öffnung
ins Freie gelangt. Ich habe diese zuerst von Nitsche (’72, S. 469) geäusserte Ansicht schon früher
(’90, S. 118) vertreten, und seitdem ist sie mir vollends zur Gewissheit geworden. Zu ihrer Rechtfertigung
ist anzuführen, dass kein anderer Weg die Befreiung der Larve so leicht und einfach
vermitteln würde wie der bezeichnete, dass die Knospennatur des Oöciums einen Durchbruch an
derjenigen Stelle, wo er auch bei normaler Entwickelung der Knospe erfolgt wäre, am natürlichsten
erscheinen lässt, und endlich die Thatsache, dass in vorgerückten Stadien eine sichtliche Verdünnung
der mütterlichen Kolonialwand eben an dieser Stelle zu constatiren ist (Taf. VII, Fig. 140 u. 41).
Das Letztere ist freilich nicht immer der Fall, da durch die Zusammenziehung der kräftigen Muskelschicht
oft gerade eine Verdickung der betreffenden Gewebe bewirkt wird. Nach Durchbruch der
Öffn ung mag der Embryo durch Contractionen der Uteruswandung, vielleicht auch activ durch
bohrende Bewegungen der Duplicatur, nach aussen befördert werden. Die Ansicht Reinhard’s (’80,
S. 210) und Kraepelin’s (’86; ’92, S. 25), wonach eine seitliche Ruptur des Oöciums stattfinden und
der Embryo durch die Mündung des abgestorbenen Nachbarpolypides nach aussen gelangen soll, wird
schon dadurch entkräftet, dass in vielen Fällen ein solches im Zerfall begriffenes Polypid garnicht
vorhanden ist. Überdies ist der Weg, den der Embryo dann zu nehmen hätte, häufig noch durch
ein besonderes, zwischen dem Oöcium und dem Primärpolypid befindliches Septum (Fig. 139 u. 141, s),
welches auf unterdrückte Cystidbildung zurückzuführen ist, abgesperrt (s. oben S. 26 f.). Auch habe
ich bei Kolonien, welche in partu conservirt und von reifen Embryonen erfüllt waren, nie eine Larve
ausserhalb des Oöciums angetroffen.